Chapter 3: Der Schatten aus Berlin
Melanie stürmte förmlich die letzten Meter bis zur massiven Eingangstür ihres Downtown-Lofts, nicht mehr atmend wie eine Geschäftsfrau, sondern eher wie eine Gejagte. Die Panik, die durch Max’ Nachricht ausgelöst wurde, überlagerte die strategische Kälte, die sie bei der Baroness gelernt hatte. Sie musste jetzt sofort in Sicherheit, auch wenn sie wusste, dass Sicherheit in L.A. sowieso nur eine Illusion war.
Sie schob sich in die Wohnung und ließ die schwere Tür mit einem dumpfen, beunruhigenden Klonk ins Schloss fallen. Ihre Hände zitterten leicht, als sie zweimal den normalen Riegel umlegte. Dann griff sie nach der oberen, kaum genutzten Sicherheitskette und schloss diese ebenfalls. Drei Verriegelungen. Das war natürlich irrational, weil niemand in diesem abgeschotteten Hochhaus ohne Schlüssel durch die Lobby kommen würde, trotzdem fühlte sich dieser Akt der maximalen Abschottung jetzt absolut notwendig an.
Die gesamte Wohnung blieb dunkel, weil Melanie es nicht wagte, das Hauptlicht einzuschalten. Sie wollte keine Silhouette abgeben, die von einem potenziellen Beobachter von außen erkannt werden konnte. Obwohl sie in der zehnten Etage wohnte, wusste sie aus Erfahrung, wie viel man mit den richtigen optischen Hilfsmitteln aus der Ferne sehen konnte.
Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die kalte Metalltür und versuchte, ihr unregelmäßiges Atmen zu kontrollieren. Die Dunkelheit des Lofts bot immerhin ein Gefühl von Schutz. Das einzige Licht, das jetzt in diesem Raum existierte, kam von dem kleinen, leuchtenden Display ihres Notfall-Handys, das sie immer noch krampfhaft in der Hand hielt. Dieses kühle, fast unnatürliche blaue Licht beleuchtete ihr Gesicht von unten, was ihre Augen noch größer und ihre Anspannung deutlicher zeigte.
Melanie sah auf das Display, auf dem noch immer die erschreckende Nachricht von Max stand: “Ich sehe dich immer.”
Sie musste diese Situation rational analysieren. Max war kein beliebiger Fan, der sie zufällig erkannt hatte. Das war nicht möglich, weil sie sich so gut verkleidet hatte und die Bar so exklusiv war. Die Art des Fotos, die unmittelbare Bedrohung und vor allem der Name deuteten auf eine viel tiefere Verbindung hin, zu ihrer ehemaligen Welt in Berlin.
Max, der Name. Ein kühler Schauer lief ihr über den Rücken.
Sie erkannte ihn jetzt. Max war Adrians Schatten gewesen, der Mann, der nie einen Namen hatte, weil er so unauffällig war. Adrian hatte ihn immer nur als seinen „Assistenten“ bezeichnet, aber das war nicht ganz richtig. Max war der Mann, der die logistische Kontrolle über Adrians Imperium der Ästhetik in Berlin hatte.
Adrian war ihr ehemaliger Mentor und Partner, ein bekannter, extrem einflussreicher Fotograf und Ästhet, dessen Vision Melanies gesamtes Influencer-Image in Deutschland überhaupt erst geformt hatte. Er hatte alle Fäden gezogen, und Melanie war dabei nur seine schönste Marionette gewesen. Ihre Flucht nach L.A. war der Versuch gewesen, sich seinem absoluten Einfluss zu entziehen. Max war derjenige, der dafür gesorgt hatte, dass Adrians Visionen Realität wurden, derjenige, der ungesehen die Kameras kalibrierte, die Lichter optimierte, die Verträge abwickelte, und vor allem derjenige, der alle Informationen sammelte. Er war Adrians Auge und Ohr.
Adrian hatte Max scheinbar nach L.A. geschickt. Das war die einzige logische Erklärung. Max wusste nicht nur, dass Melanie in L.A. war, er wusste ganz genau, wo er sie suchen musste und welche Schritte sie unternehmen würde, da er Adrians komplettes Netzwerk und seine Ressourcen zur Verfügung hatte.
Der Schock wich der Erkenntnis. Sie war nicht frei gewesen, auch wenn sie alle Konten in ihrem alten Leben gelöscht hatte. Adrian hatte sie verfolgt, und zwar bis an diesen neuen, angeblich sicheren Ort und direkt zum ersten Treffen ihrer neuen Identität.
Die Erinnerung an Adrian und Max löste einen kurzen, scharfen Flashback aus, der sich wie ein kalter Windhauch im dunklen Loft anfühlte.
Melanie sah sich plötzlich nicht mehr in ihrem modernen Loft in L.A., sondern stand in einem viel zu großen, kühlen Studio in Berlin, dessen Fenster vollständig mit schwarzem Stoff verhängt waren, um jegliches Tageslicht fernzuhalten. Es war bitterkalt in diesem Raum, weil Adrian immer auf eine extrem niedrige Temperatur bestand, um die Kleidung und, wie er es formulierte, die emotionale Reinheit seiner Modelle zu erhalten.
Sie trug an diesem Tag nur sehr wenig, ein maßgeschneidertes Stück Stoff, das nur minimale Körperpartien bedeckte, was die Kälte nur noch unerträglicher machte. Sie zitterte leicht, worauf Adrian natürlich sofort reagierte, ohne dabei von seinem Kameramonitor aufzusehen, der sein komplettes Leben zu beherrschen schien.
„Melanie“, hatte Adrian mit seiner kalten, befehlenden Stimme gesagt. Selbst wenn er sie lobte, klang es wie eine Anweisung. „Höre auf zu zittern. Du bist keine Primadonna, du bist die Leinwand für meine Ideen. Verstehe das endlich.“
Melanie versuchte, ihr Zittern zu unterdrücken, was in der Kälte und unter dem Druck fast unmöglich war. Sie wusste, dass sie nicht zimperlich sein durfte, weil Adrian ihr diesen Status als Ästhetik-Ikone überhaupt erst ermöglicht hatte.
Max stand wie immer im Schatten, in einer Ecke des Studios, wo die Beleuchtung am schlechtesten war. Er arbeitete am Licht-Setup, justierte einen Diffusor nur um Millimeter, was niemandem außer Adrian aufgefallen wäre. Max hatte diesen Blick, der immer alles registrierte, ohne dabei Emotionen zu zeigen. Er wirkte nie feindselig, aber auch nie freundlich, einfach neutral und absolut effizient. Er war der Mann, der alles sah, aber nichts sagte.
Adrian drehte sich schließlich um und fixierte Melanie mit seinen unglaublich intensiven, bewertenden Augen.
„Schau mich an, Melanie“, hatte er zischend gesagt, seine Stimme drang trotz der Studiomusik klar bis zu ihr durch. „Wenn ich dich auf die Straße stellen würde, ohne meine Kleidung, ohne meine Beleuchtung, ohne meinen digitalen Filter – wer wärst du dann?“
Adrian hatte seine Frage sofort selbst beantwortet, ohne ihr Zeit zu lassen. „Du wärst niemand. Eine weitere blonde Frau auf der Straße Berlins. Das ist die Realität, Süße. Deine Bedeutung ist meine Ästhetik. Du existierst nur in der Perfektion, die ich für dich schaffe. Ohne mich bist du bedeutungslos. Absolut bedeutungslos.“
Diese Worte, die sie damals in Berlin schon tief getroffen hatten, hallten jetzt in ihrem dunklen Loft in L.A. nach, weil sie plötzlich Max’ Foto als Beweis ihrer anhaltenden Bedeutungslosigkeit interpretierte. Adrian hatte sie gefunden, er hatte sie beobachtet, und er würde versuchen, ihre neue Existenz zu seiner eigenen zu machen, oder sie zu zerstören.
Diese kurze, scharfe Erinnerung riss Melanie aus der Gegenwart. Sie atmete wieder unregelmäßig. Die Kälte des Berliner Studios schien sich mit der Wärme des L.A.-Lofts zu vermischen.
Sie musste jetzt die aufkommende Panik kontrollieren, sonst würde sie diesen Kampf nie gewinnen. Adrian wollte, dass sie Angst hatte, weil Angst sie manipulierbar machte. Sie musste jetzt handeln.
Um sich wieder zu erden und die aufkommenden, kalten Angstgefühle zu verdrängen, ging Melanie vom Flur in die Küche. Das Loft war offen gestaltet, sodass der Küchenbereich nur schwach vom fernen Licht der Straßenbeleuchtung durch die großen Fenster erhellt wurde.
Sie ging zum breiten Küchentresen aus dunklem Marmor und begann, ihre Taschen zu leeren. Diese simple, mechanische Tätigkeit sollte ihr helfen, ihre Gedanken zu ordnen.
Melanie zog ihr anonymes Prepaid-Handy aus der Hosentasche und legte es auf den Tresen, wo das Display jetzt noch heller leuchtete. Sie nahm dann die Notfall-Bargeldreserve heraus, die zerknitterten Hunderter, die sie kaum gezählt hatte. Das alles war Beweis für ihre panischen Entscheidungen der letzten Stunde.
Sie zog den weiten, hellen Seidenschal vom Hals, weil er sich plötzlich wie eine Fessel anfühlte. Dann nahm sie die Baseballkappe ab und legte sie dazu.
Als sie ihre schwarze Ledertasche umdrehte, um den Inhalt zu prüfen, fielen zwei Dinge heraus: die kleine silberne Visitenkarte der Baroness und ein unerwartetes Objekt.
Neben dem Handy und der Karte landete ein kleines Notizbuch auf dem harten Marmorboden. Es verursachte ein überraschend hartes, klapperndes Geräusch in der Stille des Lofts.
Melanie sah auf den Boden. Das Buch war klein, vielleicht handtellergroß, und in dunkelbraunes Leder gebunden. Sie hatte es in der Hektik des Zusammenstoßes mit Julian vor der Acheron-Bar unbewusst mitgerissen. Sie hatte in diesem Moment nur darauf geachtet, nicht über Julians Füße zu stolpern, und er wiederum hatte versucht, den Rotwein zu retten. Das war natürlich sein Notizbuch gewesen, das er auf den Boden hatte fallen lassen.
Dieses Buch gehörte Julian.
Melanie hob das Notizbuch vom Boden auf. Das Leder fühlte sich überraschend weich und warm in ihrer Hand an. Es war eine komplett fremde Berührung in dieser beunruhigenden Nacht.
Melanie schlug das kleine Leder-Notizbuch auf. Das tat sie nicht aus Neugierde, sondern eher aus dem spontanen Drang heraus, sich mit etwas anderem als der unmittelbar drohenden Gefahr durch Max und Adrian zu beschäftigen. Die Seiten waren dünn und leicht gelblich, was dem Buch ein altes, viel benutztes Gefühl verlieh. Sie erwartete natürlich, interne Notizen über die Bar, vielleicht geschäftliche Termine oder eventuell eine Liste von Kontakten zu finden, da Julian so elegant und geschäftig gewirkt hatte.
Doch der Inhalt war anders, als sie dachte. Es gab keine einzige Telefonnummer oder einen Geschäftstermin. Stattdessen waren die Seiten gefüllt mit präzisen, aber schnellen Skizzen von Architektur.
Sie sah Zeichnungen von Fassaden, komplizierte Darstellungen von Bögen und hoch aufragenden Innenräumen, die von geometrischer Präzision dominiert wurden. Es waren keine groben Entwürfe, sondern mehr die Betrachtungen eines Künstlers, der Licht und Schatten in dreidimensionale Formen übersetzte. Die Linien waren elegant und bewusst gesetzt, aber trotzdem wirkten sie leichtfüßig und nicht so schwer wie normale Bauzeichnungen.
Unter den Skizzen fand Melanie handschriftliche Zitate, die mit dem Inhalt der Zeichnungen in direktem Zusammenhang standen. Eines der Zitate, das in einer klaren, aufrechten Handschrift geschrieben war, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich: Licht ist das Material, das Raum formt, Schatten ist die Grenze, die ihn definiert.
Das war die Art von philosophischer Auseinandersetzung mit der Ästhetik, die Adrian immer zelebriert hatte, aber bei Julian wirkte es nicht prätentiös, sondern ehrlich und forschend. Es ging bei diesen Skizzen nicht um Reichtum oder Dominanz, es ging um die reine Form, die Architektur als Kunst. Melanie verlor sich für einen Moment in der Stille dieser gezeichneten Welt, die so weit entfernt war von der hektischen Bedrohung durch Max.
Sie blätterte weiter, der weiche Ton des Papiers war das einzige Geräusch im gedämpften Loft. Ein weiteres Zitat fand sie auf der nächsten Seite, geschrieben in deutscher Sprache, was sie überraschte: Der Ort ist nicht, was wir sehen, sondern was wir spüren, wenn wir ihn betreten.
Das Notizbuch war ein Fenster in Julians Kopf, ein Ort der Seriosität, der sich komplett von der Oberflächlichkeit L.A.s und der kalkulierten Kälte der Baroness abhob. Melanie sah in diesen Skizzen keinen Geschäftsmann, der hastig zu einem Treffen eilte, sondern jemanden, der sich wirklich mit der Definition von Schönheit und Raum auseinandersetzte.
Auf der ersten Innenseite, fast versteckt zwischen den Einband und der ersten Skizze, fand Melanie den einfachen, handschriftlichen Namen: Julian Vane.
Es war keine Visitenkarte, kein Logo, nur eine Unterschrift, die so elegant war wie die Skizzen. Julian Vane. Der Name selbst klang europäisch, was Melanies erster Eindruck bei dem Zusammenstoß nur bestätigte.
Dieses kleine Notizbuch, dieses unbewusst mitgerissene Stück Papier und Leder, wurde sofort zu einem unerwarteten Anker. Es war ein greifbarer Beweis, dass es eine andere Welt gab, die nicht von Adrians Kontrolle oder Max’ Überwachung dominiert wurde. Es war ein Zufallsfund, der ihr eine kurze Flucht aus der klaustrophobischen Situation bot.
Melanie hielt das Buch fest, die Angst vor Max wich langsam einer kontrollierten, fokussierten Wut. Adrian hatte sie gefunden, aber er würde nicht gewinnen. Sie würde jetzt die Werkzeuge der Baroness nutzen, die sie gerade erst erhalten hatte, um ihre eigene Macht in dieser neuen, gefährlichen Welt zu etablieren.
Sie durfte sich nicht ablenken lassen, auch nicht von der plötzlichen Existenz eines attraktiven Architekten mit philosophischen Skizzen.
Melanie legte Julians Notizbuch, die silberne Karte der Baroness und ihr Prepaid-Handy auf den Tresen. Sie drehte sich um und ging entschlossen in den Hauptbereich des Lofts.
Dort, wo sie ihr Leben als Melanie aus L.A. dokumentiert hatte, stand noch immer das Stativ für ihr professionelles Aufnahme-Equipment. Es war ein teures, hochauflösendes Gerät, das sie für ihre alten, gesponserten Inhalte genutzt hatte. Ironischerweise würde sie es jetzt für ihre neue Identität Jane Doe verwenden.
Melanie errichtete das Stativ sehr schnell, sie kannte jeden Handgriff auswendig. Sie musste jetzt sofort Content produzieren, weil sie das aggressive Ziel der Baroness von 1.000 Abonnenten in einem Monat nur durch kontinuierliche, provokante Beiträge erreichen konnte.
Sie zog den schwarzen, formlosen Kapuzenpullover aus, den sie für das Treffen getragen hatte. Der Stoff fiel auf den Boden und enthüllte das einfache, schwarze Sport-Top, das sie darunter trug. Es war kein BH, keine Spitze, nichts, was zur alten Melanie aus L.A. gepasst hätte, sondern nur ein schlichtes, athletisches Kleidungsstück.
Die Baseballkappe behielt sie allerdings auf. Sie zog sie noch tiefer ins Gesicht, weil die Kappe jetzt zu einer Art psychologischer Barriere wurde, die sie von ihrer früheren Identität trennte und gleichzeitig ihre Anonymität schützte Die Kappe war der einzige Schutz, den sie jetzt hatte, der ihren hellen, markanten Haaren einen Gegenpol bot.
Melanie sah in die Linse der Kamera, die sie auf das iPad ihres Setups koppelte. Das brauchte zwar immer noch ein paar Minuten, um hochzufahren, aber sie war bereit.
Sie dachte in diesem Moment an Adrian, an seine kalte Stimme und seine Behauptung, sie sei ohne seine Ästhetik bedeutungslos. Sie dachte an Max’ Foto, an die Überwachung, die sich wie eine Schlinge um ihren Hals zog.
Jede Bewegung, die sie jetzt machte, war ein Akt der Rebellion gegen diese Vergangenheit. Sie würde ihre eigene Ästhetik schaffen, eine, die provokanter und ehrlicher war als alles, was Adrian jemals von ihr gefordert hatte. Es war nicht die Perfektion, die Adrian wollte, sondern die rohe, ungeschönte Intimität, die die Baroness als Währung des Geschäfts identifiziert hatte.
Melanie begann, ihren ersten Beitrag für ihre zahlenden Abonnenten aufzunehmen.
Sie bewegte sich langsam, fast aggressiv vor der Linse. Ihr Blick war unnahbar, direkt in die Kamera gerichtet. Sie produzierte absichtlich Content, der kalt und distanziert wirkte, obwohl er sexuell aufgeladen war. Das war die psychologische Distanz, von der die Baroness gesprochen hatte. Sie gab den Konsumenten nur genug, um sie süchtig zu machen, aber ihr innerstes Selbst hielt sie unter der Kappe gefangen.
Ihr Kopf war absolut klar. Es gab keine Unsicherheit mehr, kein Zögern, nur noch pure, konzentrierte Macht. Sie sah nicht sich selbst durch die Linse, sondern sie sah die Gesichter von Adrian und Max, und sie nutzte jeden Klick der Kamera als eine symbolische Waffe gegen ihre Kontrolle. Jeder hochgeladene Beitrag war ein weiterer Schritt in ihre eigene, unabhängige Existenz.
Melanie wusste, dass das Material, das sie jetzt produzierte, nicht subtil war. Es war direkt, es war aggressiv, und es war so unnahbar, dass es gerade dadurch eine enorme Anziehungskraft ausübte. Es war die Definition von Jane Doe: eine Frau, die absolute Kontrolle über ihre Intimität hatte und sie nur in kleinen, dosierten Mengen verkaufte, um eine eigene Machtposition zu etablieren.
Melanie filmte noch einige Minuten weiter, bis sie das Gefühl hatte, genug Rohmaterial zu haben, das sie dann später noch bearbeiten würde. Sie beendete die Aufnahme abrupt.
Sie saß kurz auf dem Boden neben dem Stativ und holte ihr iPad hervor, um die schnelle Bearbeitung der Bilder und Videos zu beginnen. Die sofortige Validierung war in diesem Geschäft alles.
Sie nutzte die dunkle Ästhetik, die sie bereits mit dem ersten Post etabliert hatte, reduzierte die Belichtung, um Schatten zu betonen, und fügte einen körnigen Film-Filter hinzu. Das war keine Hochglanz-Ästhetik, sondern eine bewusste Abkehr von Adrians poliertem Stil.
Nach wenigen Minuten des schnellen Schneidens und Hochladens sah sie auf die Live-Zahlen ihres OnlyFans-Profils. Das Adrenalin pumpte leicht durch ihren Körper, als das Display die aktuelle Abonnentenzahl anzeigte.
Die Zahl stieg rasant. Sie hatte das Treffen mit der Baroness mit etwa 150 zahlenden Abonnenten verlassen, was für den Anfang schon gut war. Jetzt, nur Stunden später, nach dem extrem provokanten Tweet und der Weitergabe der Baroness-Visitenkarte, sprang die Zahl über 300.
Dreihundert Abonnenten mit einem absurd hohen Preis.
Dieses schnelle Wachstum gab ihr ein überwältigendes Gefühl von Macht. Adrian hatte gesagt, sie sei bedeutungslos ohne ihn, aber diese Zahlen bewiesen das Gegenteil. Sie schuf ihre eigene Relevanz, ihre eigene Ästhetik. Das Wichtigste an dieser Zahl war nicht das Geld, das floss, sondern die Bestätigung, dass die psychologische Strategie der Baroness – maximale Distanz trotz maximaler Exposition – funktionierte.
Unter dieser Kappe, in dieser dunklen Wohnung, konnte sie Jane Doe sein, eine verborgene Identität, die mächtiger war, als es Melanie aus L.A. jemals gewesen war. Sie hatte das Gefühl, dass ihre wahre Identität jetzt nicht mehr in ihrem Gesicht oder ihrem Körper lag, sondern in diesen verschlüsselten Zahlen auf dem Bildschirm.
Melanie starrte auf die Zahl auf dem iPad-Display. Von 150 auf über 300 Abonnenten in nur wenigen Stunden war ein astronomischer Anstieg. Es fühlte sich an wie eine Art digitale Entriegelung, eine Bestätigung, dass ihre radikale Strategie tatsächlich funktionierte. Die Einnahmen, die bei diesem hohen Preis anfielen, waren plötzlich nicht mehr nur eine Hoffnung, sondern eine greifbare Realität. Das Geld war wichtig, natürlich, weil es ihre Existenz sicherte, aber der wahre Wert lag in der psychologischen Währung.
Jede neue Registrierung befeuerte ihr Gefühl von Macht. Sie kontrollierte die Nachfrage, sie diktierte die Bedingungen. Die Menschen zahlten einen Premium-Preis, um ein von ihr geschaffenes Geheimnis zu entschlüsseln, und diese neue Autorität fühlte sich viel realer an als die passive Zustimmung, die sie als Melanie aus L.A. durch kostenlose Likes erhalten hatte. Die verborgene Identität, die sie sich mühsam aufgebaut hatte, gab ihr eine Stärke, die sie vorher nie kannte.
Sie war jetzt Jane Doe, eine Figur, die sie selbst erschaffen hatte, unnahbar und doch intimer als früher. Das war die Lehre der Baroness: Projektion.
Melanie saß noch immer am Boden, direkt neben ihrem Stativ. Die Produktionsstunden der letzten Tage, die Anspannung vor dem Treffen mit der Baroness und jetzt der Schock durch Max' Verrat hatten ihren Körper komplett erschöpft. Sie spürte eine tiefe Müdigkeit, die in ihren Gliedern nagte, eine Art mentaler Kater, der sich breitmachte, jetzt, da das Adrenalin langsam abfloss.
Sie legte das iPad beiseite, lehnte ihren Kopf kurz an die kalte Oberfläche des Stativs und schloss die Augen. Sie musste Pläne schmieden, wie sie auf Max reagieren würde, doch ihr Gehirn weigerte sich, strategisch zu denken.
Plötzlich vibrierte das anonyme Prepaid-Handy, das auf der Küchentheke lag. Das laute Bzzzz in der Stille des Lofts ließ Melanie zusammenschrecken.
Sie öffnete die Augen. Auf dem Display erschien wieder eine unbekannte Nummer, aber dieses Mal war es kein Text, sondern ein Anruf.
Die Müdigkeit war mit einem Schlag verschwunden und wich sofort wieder der Angst. Nur wenige Leute kannten diese Nummer, niemand von ihnen würde sie anrufen. Es musste Max sein, der jetzt den nächsten Schritt machte, oder vielleicht Adrian selbst.
Melanie zögerte nur einen Augenblick. Ignorieren war keine Option, denn das würde nur ihre Unsicherheit zeigen. Wenn sie Adrian wirklich in seinem Spiel besiegen wollte, musste sie sich seinen Werkzeugen stellen.
Sie stand auf und eilte zum Tresen, griff das Handy und drückte mit zitternder Hand auf das Display, um den Anruf anzunehmen, ohne etwas zu sagen.
„Hallo?“, sagte sie schließlich, ihre Stimme war beabsichtigt fest und klar, obwohl sie es kaum schaffte, das Zittern zu verbergen.
Durch den Lautsprecher drang sofort eine tiefe, deutsche Stimme. Es war eine Stimme, die sie sofort, ohne Zweifel, erkannte, so wie man eine Narbe erkennt, die nie wirklich verheilt ist. Es war Adrian.
Er sprach in perfektem, beinahe übertriebenem Hochdeutsch, so wie er es immer tat, wenn er Dominanz signalisieren wollte.
„Melanie. Du hast es geschafft.“
Der einfache Akt, ihren Namen so beiläufig zu nennen, war schon eine massive Verletzung ihrer neu etablierten Anonymität. Adrian hatte nicht nur ihre neue, geheime Nummer, sondern er benutzte ihren Geburtsnamen, der in diesem Kontext nicht mehr existieren sollte.
Melanie schwieg, sie wartete darauf, dass er fortfuhr. Ihre Gedanken rasten. Wie hatte er das so schnell herausgefunden?
Adrian schien ihr Schweigen als eine Bestätigung seiner Macht zu interpretieren.
„Ich mag dein neues Zuhause“, fuhr er fort, wobei seine Stimme eine kühle Bewertung verriet, so, als würde er einen Raum beurteilen, den er gerade betrat. „Die Fensterfront ist exzellent, der Blick auf Downtown sehr gut. Es hat mehr Licht, als ich erwartet hätte, wenn man bedenkt, dass du dich in die Schatten flüchten wolltest.“
Melanie starrte in die Dunkelheit ihres Lofts. War er draußen? Oder hatte Max die Informationen weitergegeben, die er in der Nähe der Acheron-Bar gesammelt hatte, inklusive ihrer Wohnadresse? Adrian musste einen Weg gefunden haben, ihre VPN-Verschleierung und alle ihre Vorsichtsmaßnahmen zu umgehen.
„Du hast dein Hauptlicht nicht eingeschaltet“, bemerkte Adrian dann, seine Stimme klang fast amüsiert. „Das ist sehr klug. Obwohl ich dich durch das verdunkelte Seitenfenster im Schlafzimmer trotzdem recht gut sehen kann.“
Dieser Satz traf Melanie härter als die Drohung. Das war nicht nur Überwachung, das war die absolute Indikation, dass er irgendwo sein musste, wo er eine komplette Sicht auf ihr Loft hatte. Er spielte ein Spiel der Macht und der ständigen Exposition.
Melanie ging schnell ein paar Schritte vom Tresen weg, in die Mitte des Raumes, und wiederholte leise: „Wie hast du meine Nummer?“
„Ach, Melanie“, seufzte Adrian, wobei er seinem Seufzen eine fast beleidigte Note gab. „Seit wann hält dich ein einfacher Prepaid-Chip davon ab, einen Hörer in die Hand zu nehmen? Und eine unregistrierte Nummer zu finden, ist für jemanden mit meinen Ressourcen in dieser Stadt ein Kinderspiel.“
Er brauchte keine Erklärung, er brauchte nur die Andeutung seiner Fähigkeit, die sie kontrollierte. Adrian machte keine Angaben dazu, wo er sich befand, was natürlich seine Taktik war, um die Panik zu maximieren.
„Ich habe deinen neuen ‚Content‘ gesehen“, fuhr Adrian fort, seine Stimme klang jetzt wieder etwas ernster und kühler. „Sehr provokant. Sehr aggressiv. Ein kompletter Bruch mit der Ästhetik, die ich dir über Jahre aufgebaut habe. Du verbrennst dein Kapital, Melanie. Oder Jane Doe, wie du dich jetzt nennst.“
Er schien von ihrer Veränderung nicht schockiert, sondern nur intellektuell unterfordert.
„Wie fand ich dich? Ganz einfach. Max ist mein verlängerter Arm, meine permanente Präsenz. Wir wussten, dass du dich zu den Extremen hingezogen fühlen würdest, weil du immer zu viel Angst vor dem Mittelmaß hattest.“
Melanie verstand jetzt die komplette Strategie. Adrian hatte sie nicht zufällig gefunden, er hatte auf ihre unvorsichtigen Schritte in die dunkle Ecke des Internets gewartet. Die Provokation auf Twitter war genau das Signal gewesen, auf das er gewartet hatte.
„Das war ein Fehler, Adrian. Ich bin nicht mehr deine Leinwand“, sagte Melanie, ihre Stimme brach diesmal nicht. Die Wut auf Max und die Erkenntnis, dass sie keine Sekunde lang sicher gewesen war, gab ihr eine neue Entschlossenheit.
Adrian lachte leise durch das Telefon, ein monotones, trockenes Geräusch. Es war ein Lachen, das keine Freude, sondern nur Verachtung enthielt.
„Eine billige Maske? Melanie, ich habe diese Maske entworfen, als wir uns in Berlin getroffen haben. Du bist kein Entwurf mehr, du bist eine Marke, die ich erfunden habe.“
Dann wurde seine Stimme zu einem tiefen, bedrohlichen Murmeln, das sie bis ins Mark traf.
„Aber glaubst du wirklich, eine billige Maske schützt dich vor mir?“
Nach dieser direkten, bedrohlichen Frage war die Verbindung sofort beendet. Adrian hatte aufgelegt.
Melanie stand in der Dunkelheit ihres Lofts, atmete tief aus und hielt das ausgeschaltete, unbekannte Handy in der Hand. Die Stille, die jetzt im Raum herrschte, war noch beunruhigender als Adrians Anruf. Er war in der Nähe, er sah sie, und er würde ihre neue Existenz nicht tolerieren. Das war klar.
Die Freiheit, die sie noch Sekunden zuvor durch den schnellen Anstieg der Abonnentenzahlen gespürt hatte, war komplett verschwunden. Stattdessen fühlte sie sich wie in einem Käfig, dessen Wände von unsichtbaren Kameras tapeziert waren. Ihre radikale Neuerfindung war nicht nur ein geschäftlicher Kampf, sondern ein Krieg um ihre Identität und ihre psychologische Unabhängigkeit.
Melanie blickte unwillkürlich zu ihren Schlafzimmerfenstern, die auch in Richtung Downtown zeigten. Sie spürte Adrians Augen, auch wenn sie ihn nicht sehen konnte. Es war der größte Albtraum geworden, den sie sich nie hatte eingestehen wollen.
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