Kapitel 2: Die Baronin und der schnelle Aufstieg

Auf dem dunklen Bildschirm von Melanies Handy leuchtete eine winzige, kaum sichtbare Benachrichtigung auf, die den erfolgreichen Upload ihres ersten OnlyFans-Posts bestätigte. Es war nur ein nüchterner Hinweis der Plattform, ein automatisches Protokoll der Systemlogik, aber für Melanie fühlte es sich an wie die offizielle Erlaubnis, ihr altes Leben komplett zu verbrennen. Sie blickte auf das unscharfe Schattenbild der Kaffeetasse, das jetzt online war, und der Text „Ab morgen ist Schluss mit Fassade“ wirkte fast wie eine Drohung an ihr früheres Ich. Das hohe Preisetikett des Abonnements signalisierte sofort, welche Art von Spiel sie spielen wollte – Exklusivität war die neue Währung.

Melanie musste sofort handeln, da das Timing auf diesen Plattformen alles war. Sie brauchte eine Brücke, die die Aufmerksamkeit schnell vom provokanten Twitter-Namen auf das neue OnlyFans-Profil lenken sollte. Ihre Strategie war simpel: maximale Provokation und dann sofortiger Rückzug, um Mysterium zu erzeugen.

Sie öffnete die Twitter-App und loggte sich in den Account „Jane Doe“ ein. Sie musste sicherstellen, dass sie die nötige Reichweite bekam, bevor irgendein Algorithmus ihre Bemühungen wieder im digitalen Rauschen versickern ließ. Dieses neue Profil war noch leer, also würde jeder Post eine Explosion erzeugen müssen. Sie dachte kurz darüber nach, wie sie die geografische Nähe zu Hollywood nutzen könnte, ohne dabei zu viel von ihrer Identität preiszugeben.

Nach einigen Momenten der Konzentration tippte sie einen Satz ein, der kurz, zynisch und absolut unmissverständlich war. Sie schrieb: „Tote Blonde finden sich nirgends besser als im Sunset Boulevard. Zeit für ein Re-Casting.“ Das war natürlich eine extrem düstere Anspielung auf die vielen gescheiterten Träume und das Geschäft mit schönen Frauen in L.A., was sie selbst jahrelang erlebt hatte.

Sie fügte dann einen Hashtag hinzu, der direkt in die schmutzigen, aber lukrativen Nischen der Erotikszene zeigte. Sie wählte den Hashtag #LADirtySecret, der in bestimmten Kreisen als Code für anrüchige oder verbotene Inhalte in der Stadt bekannt war. Es war wie das Werfen eines Köders in ein Haifischbecken, denn sie wusste, dass dieser Hashtag von Content-Kuratoren, potenziellen Managern und natürlich Konsumenten ständig überwacht wurde. Die Nachricht enthielt keinen direkten Link, sondern nur den provokanten Benutzernamen, der bereits die URL ihres OnlyFans-Profils verriet.

Sie drückte auf Senden. Der Post war draußen, ein Funke in der Dunkelheit. Melanie lehnte sich zurück, das Adrenalin pumpte leicht durch ihren Körper. Jetzt hieß es abwarten. Sie musste darauf warten, dass die richtigen Leute diesen Köder schluckten. Sie hatte die digitale Tür geschlossen, die zu ihrem alten Leben führte, jetzt stand sie vor einer neuen, wesentlich komplexeren Tür.

Es waren keine fünf Minuten vergangen, als das direkte Nachrichtenfeld von Twitter mit einem akustischen Plop aufleuchtete. Das geschah schnell. Zu schnell, ehrlich gesagt. Normalerweise dauerte es Stunden oder Tage, um überhaupt eine Antwort auf einen anonymen, neuen Account zu bekommen. Melanie öffnete die Nachricht mit einer Mischung aus Neugier und einer gewissen Portion Angst. Sie wusste, dass in dieser neuen Welt die Regeln anders waren.

Die Nachricht kam von einem Account mit dem Namen The Baroness.

Das Profilbild der Baroness war eine extrem stilisierte Aufnahme, die ein strenges Gesicht mit dunklem Lippenstift und einem extravaganten Hut zeigte; es wirkte eher wie ein Ölgemälde als ein echtes Foto. Es gab keine wirklichen Informationen über die Person dahinter, nur einen Verweis auf einen extrem erfolgreichen OnlyFans-Creator-Status.

Die Nachricht selbst war kurz, präzise und diktierte sofort die Bedingungen:

„Ich habe deinen Tweet gesehen. Dein Name ist neu, deine Strategie alt. Du spielst das Spiel falsch. Ich bin in der „Acheron“-Bar in West Hollywood. Du hast genau eine Stunde, um hier zu sein. Keine Ausreden. Komm allein, und zieh etwas an, das man leicht vergisst. Ich warte nicht, Jane Doe.“

Melanie spürte, wie ihr Magen sich etwas zusammenzog. Eine Stunde. Das war verrückt. Sie musste ihren Downton L.A. Loft verlassen und nach West Hollywood fahren, was in dieser Zeit L.A.-Verkehr fast die gesamte Stunde fressen würde. Vor allem war die Nachricht absolut befehlend. Die Baroness schien sich ihrer Dominanz sehr bewusst zu sein.

Sie scrollte kurz durch das Profil der Baroness, was natürlich die erste, ungeschriebene Regel der Internet-Interaktion war. Obwohl das Profil nur wenig aktive Inhalte zeigte, waren die Follower-Zahlen überwältigend. Es war eine etablierte Größe in diesem Geschäft, eine, die es sich leisten konnte, Anweisungen zu geben und nicht umgekehrt. Das war kein Fan, das war eine sehr mächtige Business-Kontaktaufnahme.

Melanie sah darin sofort eine einmalige, unverdiente Abkürzung. Wenn diese Baroness ihr wirklich helfen würde, könnte sie den steinigen und langwierigen Weg des organischen Wachstums überspringen. Das Geld, das sie so dringend brauchte, konnte viel schneller fließen, weil sie keine drei Monate mehr hatte. Dieses Treffen war hochriskant, aber ihre finanzielle Situation und die Angst vor der drohenden Pleite überwogen alle Bedenken. Melanie musste dieses Risiko eingehen.

Sie schickte eine knappe Antwort zurück, nur ein einziges Wort: „Bin unterwegs.“

Sofort schloss Melanie den Laptop herunter und sprang vom Sofa auf. Die Zeit war nun ihr größter Feind, weil sie die Anweisungen der Baroness nicht ignorieren durfte.

Das Treffen erforderte eine sofortige Planänderung, hauptsächlich weil sie ihre absolute Anonymität wahren musste. Sie war in L.A. immer noch die blonde, bekannte Melanie aus L.A., egal wie viele Accounts sie gelöscht hatte. Sie konnte nicht in ihrer üblichen Designer-Kleidung erscheinen, die sofort ihre Identität verraten hätte, weil sie diese Teile auf Instagram schon unzählige Male präsentiert hatte. Die Kleidung dieser Marke war für ihre ehemalige Zielgruppe sofort erkennbar.

Melanie eilte zu ihrem Kleiderschrank, der voller teurer, aber jetzt nutzloser Kleidung hing. Sie wühlte durch das hintere Ende und zog schließlich einen alten schwarzen Kapuzenpullover heraus, den sie eigentlich nur zum Ausruhen auf der Couch trug. Dazu eine einfache, dunkle, weite Jeans, die komplett formlos war. Es war die Definition von Kleidung, die man leicht vergaß, wie die Baroness es verlangt hatte.

Sie sah sich im Spiegel an. Die Kleidung kaschierte ihre Figur komplett, was für eine Frau, die gerade das Geschäft mit der Intimität starten wollte, ein seltsamer Anfang war. Aber darum ging es ja gerade. Sie musste ihr Äußeres vorerst komplett von ihrer neuen digitalen Persona trennen.

Das Gesicht war das größere Problem. Ihre langen blonden Haare waren einfach zu markant. Sie band sie hastig zu einem strengen, tiefen Pferdeschwanz zusammen und zog sich eine dunkle Baseballkappe tief ins Gesicht. Das Sonnenlicht war in L.A. sehr stark, aber die Kappe spendete ausreichend Schatten, um ihre Augenpartie und die hohen Wangenknochen zu verdecken. Nur ein Hauch von dunklem Lippenstift sollte ihre Lippen betonen, aber ansonsten ließ sie alles ungeschminkt, was für die alte Melanie schon ein revolutionärer Schritt war.

Für die Anonymität brauchte es mehr als nur Kleidung. Sie schlang einen weiten, hellen Schal um ihren Hals, der leicht in ihr Gesicht gezogen war, sollte sie sich wieder unwohl fühlen. Dann holte sie ihr zweites Telefon hervor. Sie hatte dieses Prepaid-Handy ohne irgendeine Registrierung vor Monaten nur für Notfälle gekauft, es lag unter einem Stapel nutzloser Papiere in einer Schublade. Es hatte eine komplett andere, anonyme Nummer. Ihre Hauptnummer wollte sie natürlich nicht weitergeben. Dieses Treffen sollte unter maximaler Abschottung stattfinden.

Sie musste natürlich auch finanziell vorbereitet sein. Sie nahm ihre Notfall-Bargeldreserve aus einem Safe, der unter dem Boden ihres Schlafzimmerschranks versteckt war. Es waren nur ein paar Hunderter, aber sie würde es brauchen, um ein Auto zu bezahlen, ohne dabei ihre Kreditkarte oder eine der Bankverbindungen zu verwenden, die zu ihrer früheren Identität führen könnten.

Melanie bestellte über die App eines Fahrdienstes ein Auto, aber dieses Mal auf dem Prepaid-Telefon und an eine zufällige Adresse zwei Blocks von ihrer Wohnung entfernt. Sie würde das Auto nicht vor ihrer eigenen Haustür abholen lassen. Sie wollte keine unnötigen Spuren zu ihrem Wohnort hinterlassen, auch wenn es sich im Moment vielleicht paranoid anfühlte. Sicherheit war in diesem neuen Geschäftszweig die erste Lektion. Sie beschloss, bar zu bezahlen, sobald sie an der Pick-up-Adresse ankam.

Sie überprüfte sich im Spiegel noch einmal. Die einst strahlende Influencerin, die ihr Leben in perfekt inszenierten Momenten gezeigt hatte, war verschwunden. Stattdessen stand da eine fremde Frau mit dunklem Look und einem entschlossenen, wenn auch leicht nervösen Blick in ihren Augen. Sie sah unscheinbar aus, was genau ihr Ziel gewesen war, aber es fühlte sich schon erschreckend an.

Melanie zog die schwarze Ledertasche über die Schulter, in der nur das Notfall-Handy und das Bargeld waren. Sie war bereit für ihr allererstes Treffen in dieser neuen, gefährlichen Branche. Sie musste sich jetzt beeilen.

Sie verließ ihre schicke, beleuchtete Wohnung. Draußen schien die Mittagssonne von L.A. bereits unbarmherzig, aber unter der Kappe fühlte es sich kühl an. Die Hitze war trotzdem überwältigend.

Sie ging zügig durch die Straßen, nicht mehr die Influencerin, die darauf achten musste, gut auszusehen, sondern nur eine Person, die anonym bleiben wollte. Als sie an der Ecke, wo das Auto warten sollte, ankam, war die Anspannung in ihrem Körper bereits spürbar. Dies war nicht nur ein Treffen; es war die physische Manifestation ihrer radikalen, digitalen Entscheidung.

Melanie spürte die psychologische Hürde, die sie gerade nahm. Nur Momente zuvor hatte sie Angst vor drohenden Schulden, jetzt war sie auf dem Weg zu einem geheimen Treffen mit einer der erfolgreichsten Content-Kreatoren der Erotikszene in L.A. in einer Bar, deren Name sie noch nie gehört hatte. Es war ein Sprung, der ohne diesen enormen finanziellen Druck niemals stattgefunden hätte, aber sie hatte jetzt keine Wahl. Sie würde ab jetzt ihre eigenen Regeln machen, so viel war klar.

Der Wagen des Fahrdienstes war unauffällig, ein silberner Kompaktwagen, der sofort im L.A.-Straßenbild verschwand. Melanie zahlte bar, wie geplant, und nannte als Ziel die Adresse der „Acheron“-Bar in West Hollywood. Die Fahrt dauerte fast vierzig Minuten, was ihren Zeitplan extrem eng machte, da sie nicht zu spät zur Baroness kommen durfte. Sie schaute die ganze Zeit durch das verdunkelte Seitenfenster, obwohl sie eigentlich nichts Neues sehen wollte.

West Hollywood fühlte sich schon anders an als Downtown. Es war eine Mischung aus Extravaganz und Schlichtheit, die sie aus ihren sorgfältig kuratierten Instagram-Kulissen kannte, aber die Straßen, durch die sie jetzt fuhr, waren ihr fremd. Sie hatte diese Gegend nur für diese inszenierten Pool-Partys oder teuren Abendessen besucht, aber die kleinen, versteckten Gassen und die unauffälligen Eingänge zu scheinbar banalen Büros waren ihr bisher unbekannt geblieben.

Unter der Baseballkappe schwitzte sie leicht. Sie spürte, wie sich die Verkleidung, die sie eigentlich schützen sollte, jetzt wie eine Belastung anfühlte. Die Jeans war zu warm, der Pullover kratzte. Es war natürlich die körperliche Manifestation ihrer Entscheidung. Sie war dabei, ihr Leben komplett zu ändern, und das fühlte sich sowohl befreiend als auch extrem unbequem an. Die Melanie aus L.A. hatte sich nie unwohl gefühlt, sie war immer perfekt gekleidet und perfekt klimatisiert an ihren Zielort gekommen. Jetzt saß sie hier, in anonymen Kleidern und auf dem Weg zu einem fragwürdigen Treffen, dessen Ausgang völlig ungewiss war.

Sie dachte kurz darüber nach, dass sie in diesem Moment alles aufs Spiel setzte. Ihre wenigen verbliebenen Ersparnisse, ihre Sicherheit und natürlich ihre Identität. Es gab keine Rückversicherung mehr, weil alle ihre Konten gelöscht waren. Es gab nur noch diesen neuen, provokanten Weg.

Der Fahrer hielt schließlich vor einem unscheinbaren, dunkelgrauen Gebäude in einer Seitenstraße, das keine sichtbaren Fenster hatte. Es gab kein auffälliges Schild, das auf eine Bar hingewiesen hätte, nur eine schwere Eichentür, die von zwei sehr diskreten, aber gut gekleideten Männern bewacht wurde. Diese Männer trugen keine Uniformen, aber ihre Statur signalisierte sofort, dass sie dort nicht nur standen, um das Wetter zu diskutieren.

Melanie bezahlte den Fahrer, stieg aus und spürte sofort, dass die Atmosphäre hier anders war. Dort herrschte eine dichte, beinahe feierliche Stille, die für West Hollywood eher ungewöhnlich war. Hier wehte kein Wind, obwohl es sonnig war. Das Adrenalin ließ ihre anfängliche Müdigkeit vergessen.

Sie musste jetzt die letzten Meter zur Tür gehen. Jeder Schritt fühlte sich bedeutsam an, fast wie ein Gang zum Schafott, ehrlich gesagt. Die Kleidung, die sie so schnell gewählt hatte, lenkte die Blicke natürlich kein bisschen ab, weil sie so offensichtlich versuchte, nicht gesehen zu werden.

Als sie genau vor dem Eingang stand, war sie so auf die stählernen Gesichter der Türsteher fixiert, dass sie ihre Umgebung komplett ignorierte. Sie atmete noch einmal tief durch, bereit, diesen ersten Schritt in die neue Welt zu machen, da sie jetzt schon leicht über der vereinbarten Stunde lag.

Gerade als sie dem ersten Türsteher zunickte, um Einlass zu verlangen, lief sie scharf nach links und kollidierte unsanft mit einer Person, die gerade im Begriff war, die Bar durch einen etwas versteckten, seitlichen Eingang zu verlassen.

Melanie wurde von dieser unerwarteten Kollision komplett aus dem Gleichgewicht gebracht. Ihr Körper kippte seitlich ab, der Fokus, den sie auf das Treffen mit der Baroness gerichtet hatte, war komplett verschwunden. Sie begann unkontrolliert zu stolpern.

Die Person, mit der sie kollidiert war, war ein Mann. Er balancierte offensichtlich ein volles Weinglas mit dunklem Rotwein und ein kleines Notizbuch, während er gleichzeitig etwas Wichtiges zu diktieren schien, daher seine Eile.

Im Moment der drohenden Katastrophe, als sie dachte, sie würde stürzen und das teure Zeug, was immer es war, ruinieren, handelte der Mann extrem schnell. Er ließ das Notizbuch fallen, aber hielt das Glas wie durch ein kleines Wunder fest in der Hand.

Er nutzte seinen freien Arm und griff Melanie mit fester, aber sanfter Hand am Oberarm. Er zog sie wieder ins Gleichgewicht, bevor sie komplett ins Stolpern geraten wäre. Sie kam abrupt zum Stehen, nur eine halbe Fußlänge von der steinernen Wand entfernt.

„Oh, entschuldigen Sie bitte, das war meine Schuld“, sagte der Mann sofort, weil er seine Eile erkannte. Seine Stimme war tief und sanft, fast schon europäisch angehaucht, was Melanie sofort irritierte. Er hatte es geschafft, sie zu stabilisieren und gleichzeitig den Rotwein komplett unberührt zu lassen.

Melanie sah ihn jetzt an. Die Kappe verdeckte einen Teil ihrer Sicht, aber sie sah genug. Der Mann war sehr attraktiv, keine Frage. Er trug ein sehr helles, perfekt geschnittenes, graues Sakko, dazu ein dunkelblaues Hemd, was irgendwie elegant und trotzdem entspannt wirkte. Er hatte dunkles, kurz geschnittenes Haar und seine Augen waren von einem ungewöhnlich hellen Blau, das trotzdem sehr intensiv wirkte. Er war vielleicht Mitte Dreißig.

Er fixierte sie mit diesem tiefen Blick. Mel war in ihrem unscheinbaren Outfit natürlich extrem unauffällig, die Kappe tief ins Gesicht gezogen, aber gerade Julians Blick schien nicht nur die Oberfläche abzutasten, sondern auch die Anspannung unter dem weiten Stoff zu registrieren.

„Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragte er ruhig, ohne dabei sein Interesse zu verbergen, obwohl er sein Glas Rotwein wie eine Trophäe fixiert hielt.

Melanie spürte, wie die intensive Anspannung des Augenblicks nachließ und durch eine leichte Verwirrung ersetzt wurde. Sie hatte sich so auf dieses Treffen mit der Baroness konzentriert, dass diese unerwartete, menschliche Interaktion sie komplett aus der Fassung brachte.

„Ja, alles in Ordnung“, erwiderte sie schnell, ihre Stimme war etwas zu scharf, als sie eigentlich wollte. Das war natürlich eine unhöfliche Reaktion auf sein schnelles Handeln, doch sie wollte den Fluchtreflex nicht unterdrücken. Sie wollte einfach nur weg. Sie hob kurz ihr eigenes Notfall-Handy, das sie in der Hand hielt, um abzulenken.

Sie fixierte ihn nicht noch einmal mit demselben Blick, den er ihr geschenkt hatte. Ihm fehlte der offensichtliche, voyeuristische Hunger, der die meisten Männer in L.A. sofort ausstrahlten, wenn sie eine attraktive Frau sahen. Er wirkte ehrlicherweise mehr interessiert, was das Ganze natürlich noch komplizierter machte. Er strahlte eine Mischung aus Seriosität und Diskretion aus, die in dieser Stadt selten war.

„Schön. Den Wein haben wir gerettet, das ist die Hauptsache“, sagte er mit einem kleinen, fast unmerklichen Grinsen. Er deutete auf das Glas.

Sie nickte nur kurz und zog die Kappe noch tiefer ins Gesicht. Sie fühlte sich bereits zu lange hier draußen exponiert und wollte diesen flüchtigen Moment der menschlichen Nähe sofort beenden. Auf die Suche nach Liebe zu gehen, musste warten. Jetzt war sie Jane Doe mit einem gefährlichen Geschäftsplan.

„Muss los“, sagte Melanie knapp und ging an ihm vorbei zur schweren Eichentür, die in diesem Moment von einem der Türsteher geöffnet wurde.

Melanie ignorierte den attraktiven Julian komplett. Sie war sich völlig bewusst, dass er sie noch beobachtete, obwohl sie mit dem Rücken zu ihm stand. Sie hörte ihn kurz aufseufzen, während sie die Türschwelle überschritt und in die Bar eintrat.

Kaum hatte Melanie die Tür passiert, schloss sich die schwere Eichentür hinter ihr mit einem dumpfen Geräusch, das den Lärm des Straßenverkehrs draußen komplett abschottete. Im Inneren herrschte eine tiefe Dämmerung. Die Bar war exklusiv, keine Frage. Die Inneneinrichtung bestand aus dunklem Holz, schweren Samtvorhängen und kleinen, runden Ledersesseln, was ein Gefühl von Old-School-Luxus vermittelte. Überall waren Kerzenlichter und sehr dezente, kupferfarbene Wandleuchten angebracht, die nur wenig Licht spendeten. Es gab keinen offensichtlichen Tresen, sondern eher ein paar kleine Service-Stationen, die von jungen Männern mit weißen Handschuhen bedient wurden.

Die stickige, schwere Luft roch nach einer Mischung aus teurem Whiskey, Zigarrenrauch und einem Hauch von altem Leder. Es war eine Atmosphäre, die Intimität und Geheimhaltung ausstrahlte, genau der richtige Ort, um ein Geschäft dieser Art zu besprechen. Es fühlte sich an wie ein Versteck.

Melanie scannte den Raum. Trotz der Dunkelheit registrierte sie die wenigen Gäste. Es waren meist ältere Männer in teuren Anzügen, die in tiefen Gesprächen versunken waren. Es gab nur sehr wenige Frauen, und diese saßen entweder allein oder mit diesen Anzugträgern zusammen. Niemand achtete auf sie, was natürlich ein gutes Zeichen war.

Sie suchte nach der Baroness. Die Beschreibung in der Nachricht war vage, aber Melanies Blick blieb schnell an einer Gestalt in einer abgelegenen Ecke hängen. Dort saß eine hochgewachsene Frau mit einer makellosen, strengen Frisur, die wie ein Helm wirkte. Die Frau trug ein tiefschwarzes Etuikleid, das die Kerzenlichter kaum reflektierten ließ. Trotz der Dämmerung konnte Melanie sehen, dass das Gesicht der Frau perfekt geschminkt war und sie trug einen dieser extravaganten, weich gefalteten Hüte, der den oberen Teil ihres Gesichts noch weiter in den Schatten stellte. Sie wirkte älter, vielleicht Anfang Fünfzig, aber ihre Haltung war die einer jungen, dominanten Frau.

Melanie spürte beim Anblick der Baroness sofort ein kaltes Gefühl der Exposition. Hier gab es keine Illusion, keine Filter, wie auf Instagram. Das war die Realität, und diese Realität war dunkel und anspruchsvoll. Die Frau schien sie schon erwartet zu haben. Die Baroness rührte langsam mit einem kleinen silbernen Löffel in einem extrem dunklen Espresso, der fast schwarz aussah. Es gab keinen Zweifel, das musste die Baroness sein.

Melanie musste jetzt zu ihr gehen. Sie musste die Tür zu dieser neuen Welt endgültig hinter sich schließen.

Melanie ging durch die dicke, samtige Dunkelheit der Bar auf die Baroness zu. Der Boden war mit einem schweren, gemusterten Teppich ausgelegt, der ihre Schritte fast vollständig schluckte, was das Gefühl der Stille noch verstärkte. Sie fühlte sich in ihrem Kapuzenpullover und der Kappe wie eine Fehlbesetzung inmitten der Anzugträger und der eleganten Dunkelheit. Doch genau das war ja der Punkt. Sie musste anders sein.

Die Baroness blickte nicht auf, als Melanie sich dem Tisch näherte, was eine sofortige Machtdemonstration war. Sie rührte weiterhin in ihrem Espresso, als wäre es das Wichtigste im Raum. Melanie blieb unsicher neben dem Hocker stehen, der ihr zugedacht war.

„Jane Doe“, sagte die Baroness schließlich, die Augen immer noch auf die Flüssigkeit gerichtet. Ihre Stimme war überraschend jung, klar und hatte einen leichten, metallischen Akzent, der nicht eindeutig zuzuordnen war. Es war eine Stimme, die Befehle gewohnt schien.

„Ich bin froh, dass Sie es rechtzeitig geschafft haben“, fuhr die Baroness fort, ohne dabei wirklich freundlich zu klingen. Sie deutete mit einer extrem schlanken, manikürten Hand auf den Hocker. „Bitte setzen Sie sich. Wir haben nicht viel Zeit, und Zeit ist hier bekanntlich Geld.“

Melanie setzte sich hin, bemüht, nicht zu sehr an der Kante des Hockers zu sitzen. Das Gefühl, exponiert und beobachtet zu werden, hatte sich natürlich nicht gemildert, weil die Baroness mit dieser Haltung offensichtlich signalisierte, dass sie alles kontrollierte. Vielleicht lag es auch an dem Wissen, dass diese Frau eine der Größten in diesem Geschäft war, und Melanie nur ein Neuling.

„Ich habe Ihren provokanten Tweet und den OnlyFans-Post gesehen“, sagte die Baroness, hob dabei endlich den Blick und fixierte Melanie mit eisgrauen Augen. Der dunkle Hut warf einen tiefen Schatten, sodass ihre komplette Mimik nur schwer zu deuten war. „Sie kennen die Regeln nicht, aber Sie haben den Instinkt, Aufmerksamkeit zu erregen. Das ist eine gute Basis für den Anfang.“

Die Baroness trank einen Schluck von ihrem Espresso, wobei sie den Rand der winzigen Tasse kaum berührte.

„Fassade abschaffen. Das ist schön und gut, aber es ist nur ein Marketingtrick“, erklärte die Baroness knallhart. „Verlangen funktioniert nicht durch Authentizität, Jane Doe, sondern durch Projektion. Die Menschen bezahlen nicht für das, was Sie sind, sondern für das, was sie glauben, dass Sie sind. Sie bezahlen für die Illusion, an Ihrer Intimität teilzuhaben, die Sie selbst schaffen. Das ist die Mechanik des Geschäfts.“

Melanie schwieg, weil sie wusste, dass das eine Lektion und keine Diskussion war. Sie lauschte konzentriert, weil diese Worte mehr Wahrheit enthielten als die ganzen Jahre, die sie vorher als Influencerin verbracht hatte.

„Ihr Fehler als ‚Melanie aus L.A.‘ war, dass Sie versucht haben, alle zufriedenzustellen“, fuhr die Baroness fort, ihre Stimme war dabei unverändert kühl. „Hier machen wir das anders. Wir beuten das Verlangen aus. Wir suchen uns eine Nische und füttern sie mit genau dem, was sie wollen. Sie haben einen hohen Preis festgelegt. Sehr gut. Das signalisiert Qualität und verhindert, dass Sie Ihre Zeit mit Leuten verschwenden, die nur kostenlose Inhalte suchen.“

Melanie nickte kaum merklich. Sie verstand sofort, dass diese Frau keine moralischen Bedenken kannte, sondern nur die Mechanik des Angebots und der Nachfrage.

„Die Content-Erstellung ist hier ein Spiel mit der Fantasie“, erklärte die Baroness und lehnte sich leicht vor. „Sie müssen immer diese psychologische Distanz aufrechterhalten, obwohl Sie sehr intime Dinge zeigen. Das ist der eigentliche Trick. Sie geben gerade genug, um sie süchtig zu machen, aber das Entscheidende behalten Sie immer für sich.“

Sie machte eine Pause und sah Melanie eindringlich an. „Und jetzt die wichtigste Lektion, Jane Doe: In diesem Geschäft sind Sie immer allein. Vertrauen Sie niemandem. Keine Fans, keine Mentoren, und vor allem keine Männer. Sie alle wollen etwas von Ihnen, das nicht materiell ist. Seien Sie immer diejenige, die verkauft, niemals diejenige, die kauft.“

Die Baroness schob dann eine kleine, unscheinbare, silberne Visitenkarte über den Tisch. Es war keine Adresse oder ein Name darauf, nur eine E-Mail-Adresse mit einem verschlüsselten Domain-Namen.

„Ich gebe Ihnen einen Monat, um Ihre ersten eintausend zahlenden Abonnenten zu bekommen, alles davon mit dem von mir vorgeschlagenen hohen Preis“, sagte die Baroness. „Wenn Sie es schaffen, zeige ich Ihnen die nächsten Schritte, natürlich gegen einen kleinen Anteil an den Einnahmen. Wenn nicht, haben Sie meine Zeit verschwendet, und ich werde Ihren Account vergessen.“

Das war ein knallhartes Geschäft. Eintausend zahlende Abonnenten in nur einem Monat, mit einem so hohen Preis, das war eine aggressive Zielsetzung. Aber Melanie wusste, dass sie es schaffen musste. Der kalte, strategische Geschäftsansatz der Baroness gab ihr mehr das Gefühl von Kontrolle, als dieses ganze Influencer-Gehabe auf Instagram je getan hatte. Hier gab es klare Regeln.

„Vielen Dank“, sagte Melanie leise. Sie nahm natürlich die Karte entgegen und steckte sie sofort in die Innentasche ihres Pullovers.

„Erwarten Sie keine weitere Hilfe von mir. Das war alles“, sagte die Baroness, ihre Augen fixierten wieder den Rand ihrer Tasse. „Denken Sie an meine Worte über das Vertrauen. Gehen Sie jetzt.“

Das Treffen war beendet, kühl und berechnend. Melanie stand auf. Das Gefühl der Isolation war extrem stark, aber es war keine lähmende Panik mehr, sondern eine Art von reinigender Kälte. Die Baroness nutzte sie aus, ohne Frage, aber im Gegenzug versah sie Melanie mit dem nötigen Wissen, um in diesem Spiel zu überleben.

Melanie verließ den Tisch ohne ein weiteres Wort. Sie fühlte sich trotz der düsteren Enthüllungen über die Ausbeutung des Verlangens gestärkt. Dieses Mentoring, so kurz und herzlos es auch gewesen war, hatte ihr eine Richtung gegeben.

Sie ging durch die gedämpfte Stille der Bar zurück zum Ausgang. Die Türsteher öffneten die Eichentür, und sie trat hinaus in die Hektik von West Hollywood. Das helle Neonlicht eines Ladens auf der gegenüberliegenden Straßenseite schlug ihr entgegen, ein scharfer Kontrast zur behüteten Dunkelheit der Acheron-Bar.

Kaum hatte Melanie einen Fuß auf den Bürgersteig gesetzt, vibrierte plötzlich ihr Prepaid-Handy in ihrer Hosentasche. Es war eine unbekannte Nummer, die auf dem Display aufleuchtete. Sie hielt inne und zog das Handy heraus. Es war eine Textnachricht.

Die Nachricht enthielt nur ein unscharfes Foto und ein paar knappe Worte.

Melanie sah das Foto an. Es war eine extrem schlechte Aufnahme, leicht körnig, aber unmissverständlich. Es zeigte sie selbst, wie sie nur Sekunden zuvor die schwere Eichentür der Bar betreten hatte. Man konnte die Kontur ihrer Kappe und den weiten, dunklen Pullover erkennen.

Die Nachricht selbst war kurz und erschreckend:

„Ich sehe dich immer“

Der Absender identifizierte sich nur mit einem Namen: Max.

Melanie spürte, wie der Schock in ihr aufstieg. Ihre minutiös geplante Anonymität und ihr extrem gesichertes Treffen mit der Baroness waren bereits kompromittiert worden. Jemand hatte sie fotografiert, und dieser Jemand kannte ihren Namen nicht, aber er wusste, wie sie aussah, und er hatte ihre neue, anonyme Handynummer.

Max. Wer zum Teufel war Max?

Melanies Atem wurde flacher. Die Worte der Baroness über das Vertrauen klangen in diesem Moment wie ein Echo in ihrem Kopf. Vertrauen Sie niemandem.

Sie sah sich hektisch um, aber die Menschen auf der Straße achteten nur auf sich selbst. Es gab keine offensichtliche Überwachung, aber das Foto bewies, dass Max irgendwo in der Nähe gewesen war, vielleicht sogar schon vor der Bar gewartet hatte. Die Freiheit, die sie noch Sekunden zuvor gespürt hatte, war mit einem Schlag verschwunden. Sie war in L.A. nicht nur Jane Doe mit einem aggressiven Geschäftsplan, sondern auch ein Ziel. Sie war nicht frei, sie war exponiert, und das war sofort klar.

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