Chapter 1: Die Nachricht
Der Abend war ruhig gewesen, so ruhig, wie die meisten Abende in letzter Zeit waren. Sie lag auf dem Sofa, die Beine angezogen, den Fernseher als bloße Hintergrundberieselung laufen lassen. Eine dieser Serien, bei denen man nicht aufpassen musste, weil sowieso nichts Entscheidendes passierte.
Das Handy vibrierte auf dem Couchtisch, direkt neben der leeren Kaffeetasse.
Sie griff danach, eher aus Gewohnheit als aus Neugier. Wer sollte schon um diese Zeit schreiben? Die Nachricht war von einer Nummer, die sie zwar gelöscht, aber nie wirklich vergessen hatte. Sein Name tauchte nicht auf dem Display auf, nur die Zahlen, die sie trotzdem sofort erkannte.
„Kann ich dich etwas Privates fragen?“
Fünf Wörter. Sie starrte darauf, las sie mehrmals, als würde sich der Sinn beim wiederholten Lesen von selbst erschließen. Privat. Das war ein Wort, das zwischen ihnen seltsam klang, nach allem, was passiert war. Zwei Jahre getrennt, fast ein Jahr geschieden. Sie hatten sich seitdem nur ein paar Mal gemeldet, wenn es um Formalitäten ging. Und jetzt das.
Ihr Daumen schwebte über dem Display. Sie überlegte, ob sie überhaupt antworten sollte, ob es nicht besser wäre, die Nachricht einfach zu ignorieren und das Handy wieder wegzulegen. Der Impuls war da, stark genug, um ihr ganz kurz einen klaren Kopf zu geben.
Dann tippte sie doch auf die Nachricht, ließ sie sich öffnen.
„Ich weiß, die Frage kommt unerwartet. Aber ich wollte dich etwas fragen, worüber ich schon länger nachdenke. Es geht um Fotos. Aktfotos. Von dir.“
Sie legte das Handy weg. Einfach so, als könnte sie die Worte damit ungeschehen machen. Das Display drehte sich auf der glatten Tischplatte, bis es schließlich still lag, die Rückseite nach oben. Im Raum war nur das leise Summen des Kühlschranks zu hören, dazu die dumpfen Stimmen aus dem Fernseher, die plötzlich viel zu laut klangen.
Was sollte das heißen, Aktfotos? Von ihr? Ihr Ex-Mann, der Mann, der sie vor zwei Jahren verlassen hatte, der gesagt hatte, sie seien einfach zu verschieden, zu gegensätzlich in ihren Bedürfnissen – dieser Mann fragte sie nach Aktfotos?
Sie spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. Nicht unbedingt vor Scham, sondern eher vor Verwirrung. Die Absurdität der Situation drängte sich in ihren Kopf, ließ sich nicht mehr verdrängen. Sie versuchte sich vorzustellen, wie so eine Bitte überhaupt zustande kam. Wann genau hatte er sich hingesetzt und gedacht: Ich sollte meine Ex-Frau fragen, ob sie nackt vor meiner Kamera posiert?
Eine Minute verging. Oder zwei. Sie wusste es nicht genau.
Dann griff sie wieder nach dem Handy, hob es auf und hielt es in beiden Händen, als wäre es etwas Zerbrechliches. Der Cursor blinkte im Nachrichtenfeld, bereit für eine Antwort. Sie begann zu tippen, schnell und entschlossen.
„Ich finde die Frage unangemessen. Ich bin nicht die Richtige dafür und ich möchte nicht, dass du mich noch einmal so kontaktierst.“
Sie las den Satz, ließ ihn eine Weile im Raum stehen. Ihre Finger schwebten über dem Bildschirm, bereit, die Nachricht abzuschicken. Aber sie tat es nicht. Stattdessen hielt sie inne, ließ den Daumen ruhen, während ihr Blick über die Worte wanderte.
Irgendetwas stimmte nicht mit dieser Antwort. Sie klang richtig, logisch, vernünftig. Aber sie fühlte sich falsch an. Oder zumindest nicht ganz richtig. Neugier war kein Wort, das sie normalerweise mit sich selbst in Verbindung brachte. Sie war die Vernünftige, die Zurückhaltende, die, die immer wusste, wo die Grenzen waren. Aber jetzt, allein in ihrer Wohnung, mit der Dunkelheit vor den Fenstern und dem flackernden Licht des Fernsehers, spürte sie etwas anderes.
Sie löschte die Nachricht. Wort für Wort, bis nichts mehr da war.
Das Display blieb leer, bis auf den Cursor, der immer noch geduldig blinkte. Sie legte das Handy nicht wieder weg, sondern hielt es fest, die Finger um das Gehäuse geschlossen. Der nächste Schritt war nicht schwer zu finden, auch wenn sie ihn selbst überraschend fand.
Sie tippte auf die Anruftaste.
Es klingelte zweimal. Dann hob er ab.
„Hallo.“ Seine Stimme klang überrascht, aber nicht unangenehm. Vielleicht hatte er nicht damit gerechnet, dass sie anrufen würde. Wahrscheinlich hatte er eher eine Textantwort erwartet, eine kurze, knappe Zurückweisung.
„Ich habe deine Nachricht gelesen“, sagte sie. Die Worte kamen langsamer als gewöhnlich, jede Silbe abgewogen. „Ich möchte verstehen, worum es dir genau geht. Was sollen diese Fotos?“
Eine Pause entstand, kurz genug, um nicht unangenehm zu sein, aber lang genug, um zu zeigen, dass er überlegte, wie er antworten sollte.
„Ich will sie für mich“, sagte er schließlich. „Nur für mich. Niemand wird sie sehen, das verspreche ich dir. Ich möchte einfach... Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Ich habe in letzter Zeit viel nachgedacht. Über uns. Über das, was wir hatten. Und ich habe das Gefühl, dass ich etwas verpasst habe. Dass wir etwas verpasst haben.“
Sie lehnte sich zurück, presste das Handy ans Ohr. Seine Stimme klang anders als früher, weicher, zögerlicher. Vielleicht hatte er wirklich darüber nachgedacht, vielleicht war es keine spontane Idee.
„Du willst Fotos von mir machen, nackt, und sie dann für dich behalten. Nur für dich.“
„Ja.“ Es klang fast flehend. „Ich würde dich nie gegen deinen Willen zeigen oder die Bilder teilen. Das ist nicht, worum es geht. Ich möchte dich einfach sehen, so wie ich dich nie gesehen habe. So, wie du dich nie getraut hast, dich zu zeigen.“
Die Worte blieben hängen, schwer und seltsam. Sie dachte an die Jahre ihrer Ehe, an die Nächte, in denen sie sich ausgezogen hatte, aber immer nur unter der Decke, im Dunkeln. An die Momente, in denen er sie berührt hatte, aber sie hatte sich nie ganz fallen lassen. Sie war immer die Prüde gewesen. Das hatte er gesagt, einmal, in einem Streit. „Du bist so verklemmt, das macht mich wahnsinnig.“ Damals hatte sie es ignoriert, weggeschoben. Aber jetzt, mit diesen Worten in ihrem Ohr, klang es anders.
„Warum jetzt?“, fragte sie. „Warum nach all der Zeit?“
„Weil ich glaube, dass du bereit bist. Dass du vielleicht selbst etwas entdecken willst, was du bisher nicht gesehen hast.“
Sie wusste nicht, ob sie ihm glauben sollte. Vielleicht log er, vielleicht hatte er andere Motive. Vielleicht wollte er die Bilder tatsächlich nur für sich. Oder vielleicht war es ein Test, eine Möglichkeit, Macht über sie zu haben, sie in einer Position der Verletzlichkeit zu sehen.
Aber die Neugier war da, unbestreitbar, und sie schwoll an, während sie das Handy in der Hand hielt und seine Stimme hörte.
„Nur für dich“, wiederholte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm. „Keine Weitergabe. Kein Teilen. Das muss mir versprochen werden.“
„Das verspreche ich dir, ehrlich.“
Sie hielt das Handy fester, spürte die Wärme, die sich von der Unterseite ausbreitete. Die Worte waren raus, aber der eigentliche Schritt kam erst noch.
„Aber mein Gesicht darf nicht zu sehen sein“, sagte sie, und die Stimme klang fester, als sie sich fühlte. „Kein einziges Bild. Wenn ich auch nur andeutungsweise erkennbar bin, lösche ich alles. Das ist meine Bedingung.“
„In Ordnung“, sagte er, ohne zu zögern. „Nur dein Körper. Kein Gesicht. Das kriege ich hin, versprochen.“
Sie wartete einen Moment, als ob sie darauf hoffte, dass er das Angebot doch noch zurückziehen würde. Aber er blieb still, und die Stille fühlte sich an wie eine Bestätigung. Sie hatte zugestimmt. Das hatte sie gerade getan.
„Gut“, sagte sie. „Dann komm vorbei. In einer halben Stunde. Ich bin da.“
Sie legte auf, ohne auf eine Antwort zu warten, und ließ das Handy auf das Sofa neben sich fallen. Der Raum kam ihr plötzlich fremd vor, als hätte sich die Perspektive verschoben, ohne dass sie sich bewegt hätte. Sie stand auf und ging zum Spiegel im Flur, betrachtete sich darin. Die Frau, die ihr entgegensah, trug einen grauen Pullover und eine Jeans. Normale Kleidung für einen normalen Abend. Nichts deutete darauf hin, dass sie gleich ihren Ex-Mann empfangen würde, der sie nackt fotografieren wollte.
Sie fuhr sich durch die Haare, drehte den Kopf zur Seite, prüfte den Winkel. Wenn das Gesicht nicht zu sehen sein durfte, dann musste sie sich überlegen, wie sie sich positionieren würde. Vielleicht mit dem Rücken zur Kamera, das Kinn gesenkt, die Haare als Schleier. Oder sie würde den Kopf wegdrehen, so dass nur die Kontur zu sehen war.
Der Gedanke ließ sie innehalten. Sie plante tatsächlich schon, wie sie sich arrangieren würde. Das war – was war das? Vorbereitung? Oder Einwilligung?
Die nächste halbe Stunde verging quälend langsam. Sie ging im Wohnzimmer auf und ab, rückte eine Vase zurecht, die schon gerade stand, und zog den Vorhang ein Stück weiter auf, obwohl die Dunkelheit draußen ohnehin nichts preisgab. Jedes Geräusch ließ sie zusammenzucken: das Knarzen der Heizung, das Ticken der Uhr, das ferne Heulen eines Krankenwagens.
Dann klingelte es.
Sie blieb einen Moment stehen, die Hand auf der Türklinke, den Atem flach. Der zweite Klingelton ließ sie endlich die Tür öffnen.
Er stand da, im schwachen Licht des Treppenhauses, mit einer Kamera um den Hals und einem Stativ unter dem Arm. Er trug eine dunkle Jacke, darunter ein einfaches Hemd. Sein Haar war kürzer als früher, die Bartstoppeln dichter. Er sah aus wie immer, aber anders. Vielleicht lag es an der Situation, vielleicht an dem, was sie wusste, dass gleich passieren würde.
„Hallo“, sagte er, und es klang beinahe schüchtern.
„Komm rein“, sagte sie und trat zur Seite.
Er schlüpfte an ihr vorbei, die Schultern leicht nach vorne geneigt, als trüge er mehr, als nur die Ausrüstung. Sie führte ihn ins Wohnzimmer, wo noch das schwache Licht der Stehlampe brannte. Der Fernseher lief immer noch, aber sie schaltete ihn aus, und die plötzliche Stille ließ den Raum enger wirken.
„Ich stelle mich hier hin“, sagte er, mehr zu sich selbst, während er das Stativ aufbaute. Er stellte es in der Mitte des Raumes auf, justierte die Beine, schraubte die Kamera darauf fest. Seine Bewegungen waren routiniert, fast mechanisch, aber sie spürte, dass auch er nervös war. Seine Finger zitterten leicht, als er den Auslöser prüfte.
Sie stand daneben, die Hände in den Taschen ihrer Jeans vergraben, und sah ihm zu. Das Wohnzimmer, das sie kannte, verwandelte sich unter seinen Händen in etwas anderes: ein Studio, ein Ort, an dem sie sich entblößen würde. Das Sofa, auf dem sie sonst saß, um Tee zu trinken, wurde zur Bühne. Der Teppich, den sie vor zwei Wochen gekauft hatte, wurde zum Hintergrund.
„Fertig“, sagte er und richtete sich auf. „Du kannst dich da hin setzen.“ Er deutete auf das Sofa.
Sie zögerte, löste dann die Hände aus den Taschen und trat vor. Das Leder des Sofas fühlte sich kühl an, selbst durch den Stoff ihrer Jeans. Sie setzte sich auf die Kante, die Knie nebeneinander, die Hände im Schoß gefaltet.
„Ich brauche dich, dass du aufstehst“, sagte er. „Stell dich vor das Stativ, mit dem Rücken zu mir. Und dann, wenn du bereit bist, ziehst du die Bluse aus. Langsam, in deinem eigenen Tempo. Und dreh den Kopf zur Wand, damit ich dein Gesicht nicht sehe. So wie du es wolltest.“
Seine Worte hingen im Raum, sanft, aber bestimmt. Sie stand auf, drehte sich um, stellte sich mit dem Rücken zu ihm. Die Wand vor ihr war weiß, fast leer. Sie atmete tief durch, hob die Hände und griff nach dem Saum ihrer Bluse.
Der Stoff war weich unter ihren Fingern. Sie zog ihn hoch, langsam, wie er gesagt hatte, Zentimeter für Zentimeter. Zuerst kam der Stoff über den Bauch, dann über die Rippen. Sie spürte die kühle Luft auf der bloßen Haut, als der Stoff sich löste. Sie drehte den Kopf zur Seite, presste die Wange fast an die Wand, damit ihr Profil nicht sichtbar war.
Die Bluse fiel von ihren Schultern und rutschte an ihren Armen hinunter, bis sie sie fallen ließ. Sie stand da, im BH, die Arme halb erhoben, den Kopf weggedreht, und wartete auf den ersten Auslöser.
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