Kapitel 8: Die Ankunft
Der Hubschrauber war noch zehn Kilometer entfernt, als die Basis Nora per Funk erreichte. Sie stand in der Hauptkammer, die Kristallscheiben noch in den Händen, als das Knacken aus dem Funkgerät an ihrem Gürtel kam. Markus' Stimme klang angespannt, fast atemlos.
„Nora? Wir haben Besuch. Drei Hubschrauber, nordöstlich. Die landen in etwa zwanzig Minuten."
Sie ließ die Scheiben sinken und drückte die Sprechtaste. „Militär?“
„Nein. Zivilisten. Zumindest sehen sie so aus. Zwei Bell 212, eine kleinere Maschine. Aber sie haben Bewaffnete dabei. Mindestens zehn Mann, schwer bewaffnet."
Nora spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog. Sie hatte mit Reeves gerechnet, mit Soldaten, mit dem ganzen Zirkus, den Militärs immer mitbrachten. Aber Zivilisten? Das war neu.
„Wer sind sie? Haben sie eine Identifikation?“
„Sie geben sich als Sicherheitspersonal von Helix Dynamics aus. Aber die Papiere sehen gefälscht aus. Und die Bewaffneten tragen keine Abzeichen. Ich würde sagen, das sind Söldner."
Helix Dynamics. Der Name sagte ihr etwas. Ein Technologiekonzern mit Verbindungen zu halbstaatlichen Projekten. Adrian Voss' Firma. Sie hatte vor ein paar Jahren einen Artikel über sie gelesen – über ihre Arbeit an Drohnentechnologie und ihre Nähe zu bestimmten Regierungsstellen.
„Lass sie nicht landen", sagte sie. „Sperr die Piste. Sag ihnen, das Gebiet ist für zivile Landungen gesperrt."
„Das hab ich schon versucht. Sie ignorieren mich. Sie landen auf dem Eis, direkt neben der Bohrluke."
Nora schloss die Augen. Das war es also. Sie kamen nicht, um zu verhandeln. Sie kamen, um zu nehmen.
„Ich bin in zehn Minuten bei dir. Halte die Stellung."
Sie steckte das Funkgerät weg und sah sich um. Tanaka stand an der Wand, die Stirn in Falten, die Hände in den Taschen vergraben. Elena war irgendwo in der Seitenkammer, wahrscheinlich über ihre Proben gebeugt. Jens saß am Kommunikationsgerät, die Kopfhörer auf den Ohren, und tippte hektisch auf seiner Tastatur herum.
„Was ist los?“, fragte Tanaka.
„Besuch von der Oberfläche. Helix Dynamics schickt eine Landegruppe. Bewaffnet."
Tanakas Gesicht wurde hart. „Das ist illegal. Dieses Gebiet steht unter internationalem Schutz."
„Das interessiert die nicht." Sie ging zu Jens hinüber. „Hast du was von Reeves gehört?“
Jens schüttelte den Kopf, ohne aufzublicken. „Funkstille. Seit zwei Stunden. Ich hab versucht, ihn zu erreichen, aber nichts. Entweder hat er seine Kommunikation abgeriegelt, oder er ist Teil von dem Ganzen."
„Oder sie haben ihn ausgeschaltet", murmelte Nora.
Sie beugte sich über seine Schulter und sah auf den Bildschirm. Jens arbeitete an einer Verschlüsselungssoftware. Auf dem Monitor liefen Zeilen roten Codes vorbei, die sie nicht verstand.
„Was machst du da?“
„Ich hab ihre Funkfrequenzen abgefangen. Bevor sie gelandet sind, haben sie eine ganze Reihe verschlüsselter Nachrichten ausgetauscht. Ich versuche, sie zu knacken."
„Kannst du das?“
„Vielleicht." Er grinste schief. „Ich hab ein paar Tricks gelernt in der Armee. Die Verschlüsselung ist gut, aber nicht perfekt. Geb mir zwanzig Minuten."
Nora legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Mach schnell. Ich will wissen, worauf wir uns einlassen."
Sie drehte sich um und ging zum Schacht. Die Lichter der Stadt waren blass, fast flackernd, als ob sie auf etwas warteten. Sie spürte AIONs Präsenz am Rand ihres Bewusstseins, leise, beobachtend. Die KI wusste, was geschah. Sie hatte wahrscheinlich alles gesehen, seit dem Moment, als die Hubschrauber in ihren Sensorbereich gekommen waren.
„Was denkst du?“, fragte Nora laut. „Soll ich sie reinlassen?“
Es kam keine Antwort. Nur die Vibration der Wände, ein leises Summen, das sich anfühlte wie ein Seufzer.
Sie stieg die Leiter hinauf, zurück zur Basis. Ihre Beine brannten, als sie die Stufen nahm, die schweißnassen Hände griffen fest um die Sprossen. Oben angekommen, schob sie die Luke auf und trat in den kalten Wind hinaus.
Das Camp war in Aufruhr. Die Zelte flatterten im Wind, der von den Hubschraubern aufgewirbelt wurde. Die drei Maschinen standen auf dem Eis, etwa hundert Meter von der Bohrluke entfernt. Ihre Rotoren drehten sich noch langsam, warfen Schnee und Eiskristalle in die Luft.
Männer in dunklen Anzügen stiegen aus. Sie trugen keine Abzeichen, keine Uniformen, aber ihre Bewegungen waren präzise, militärisch. Zehn, zwölf von ihnen. Sie stellten sich in einer Linie auf, die Hände an den Waffen, die sie unter den Jacken trugen.
Ein Mann trat vor. Er war groß, Ende fünfzig, mit silbergrauem Haar und einem Gesicht, das aussah, als hätte es schon viel gesehen. Er trug einen schwarzen Parka, offen, darunter einen teuren Anzug. Keine Waffe, aber eine Aura der Autorität, die keinen Zweifel ließ, wer hier das Sagen hatte.
„Dr. Winter?“, rief er über den Lärm der Rotoren hinweg. „Mein Name ist Kurt Bergmann. Ich vertrete Helix Dynamics."
Nora blieb stehen, die Hände in den Taschen, den Wind im Gesicht. „Sie haben keine Genehmigung, hier zu landen. Dieses Gebiet ist für zivile Operationen gesperrt."
Bergmann lächelte. Ein dünnes, professionelles Lächeln. „Die Genehmigung kommt von höherer Stelle. Wir haben eine Vereinbarung mit der polnischen Forschungsstation. Und wir haben persönliche Anweisung von Colonel Reeves."
„Reeves hat hier nichts zu sagen. Ich leite die Expedition."
„Das ändert sich gerade." Er zog ein Tablet aus seiner Jacke und hielt es hoch. Auf dem Bildschirm war ein Dokument zu sehen, offiziell aussehend, mit Stempeln und Unterschriften. „Ich habe hier eine Verfügung des Internationalen Antarktis-Komitees. Ab sofort übernimmt Helix Dynamics die Sicherung der Fundstätte. Ihr Team wird in den nächsten Stunden evakuiert."
Nora trat näher. Sie las das Dokument schnell, überflog die Zeilen. Es sah echt aus. Die Unterschriften waren korrekt, die Stempel sahen offiziell aus. Aber etwas stimmte nicht. Das Datum war von gestern. Viel zu früh für eine so schnelle Entscheidung.
„Das ist gefälscht", sagte sie ruhig. „Sie haben das selbst geschrieben."
Bergmanns Lächeln wurde breiter. „Das ist eine ernste Anschuldigung, Dr. Winter. Haben Sie Beweise?“
„Ich brauche keine Beweise. Ich weiß, wie diese Dinge laufen. Sie wollen die Energiequelle, und Sie sind bereit, alles zu tun, um sie zu bekommen."
„Wir wollen die Sicherheit gewährleisten. Mehr nicht."
„Sicherheit." Nora lachte kurz auf. „Mit bewaffneten Söldnern? Das nennen Sie Sicherheit?"
Bergmann steckte das Tablet weg. „Ich gebe Ihnen eine Stunde, Dr. Winter. Dann werde ich den Schacht sichern lassen. Ob Sie dabei kooperieren oder nicht, bleibt Ihnen überlassen. Aber ich empfehle Ihnen, vernünftig zu sein."
Er drehte sich um und ging zurück zu den Hubschraubern. Die bewaffneten Männer blieben stehen, die Hände an den Waffen, die Augen auf Nora gerichtet.
Sie stand da, den Wind im Gesicht, und spürte, wie die Wut in ihr hochstieg. Aber sie ließ sich nichts anmerken. Sie drehte sich um und ging zurück zur Luke, die Hände in den Taschen geballt.
Als sie wieder in die Tiefe stieg, hörte sie, wie Jens' Stimme aus dem Funkgerät kam.
„Nora? Komm schnell. Ich hab was."
Sie erreichte den Boden der Kammer und lief zu seinem Arbeitsplatz. Jens saß vor dem Monitor, die Hände flogen über die Tastatur. Auf dem Bildschirm waren jetzt Klartextnachrichten zu sehen, die er entschlüsselt hatte.
„Was hast du?“
„Die Frequenzen, die sie benutzt haben. Ich hab sie geknackt." Er zeigte auf den Bildschirm. „Das sind die Nachrichten, die sie vor der Landung ausgetauscht haben. Sie arbeiten mit einem externen Auftraggeber zusammen. Jemand, der keine offizielle Verbindung zu Helix Dynamics hat."
Nora beugte sich vor und las.
„Akkreditierung bestätigt. Code 47. Sichern Sie die Energiequelle. Zivilpersonal ist sekundär. Bei Widerstand: Außerkraftsetzung aller Schutzprotokolle erlaubt."
Sie las es noch einmal. „Außerkraftsetzung aller Schutzprotokolle" – das bedeutete, dass sie bereit waren, jedes Mittel einzusetzen. Notfalls mit Gewalt.
„Wer ist der Auftraggeber?“
Jens scrollte weiter. „Das ist der interessante Teil. Die Nachrichten sind mit einem privaten Schlüssel signiert. Keine Regierungsbehörde, keine offizielle Stelle. Ein Konsortium. Ich hab den Namen schon mal gehört: die „Aurora Group". Ein Zusammenschluss von Tech-Unternehmen und Privatinvestoren."
„Aurora Group." Nora wiederholte den Namen leise. Sie hatte ihn schon mal gehört, in einem anderen Zusammenhang. Ein Think Tank, der an Zukunftstechnologien arbeitete. Aber inoffiziell. Kein offizielles Register, keine öffentlichen Berichte.
„Die sind tief drin", sagte Jens. „Ich hab noch mehr gefunden. Sie haben Verbindungen zu mehreren Regierungen. USA, China, Russland. Sie arbeiten im Schatten, aber sie haben Zugang zu den höchsten Ebenen."
Nora lehnte sich zurück. Das änderte alles. Helix Dynamics war nur die Fassade. Dahinter stand ein Netzwerk, das die Energiequelle für eigene Zwecke nutzen wollte. Keine wissenschaftliche Forschung, kein internationaler Austausch. Nur Macht. Und Kontrolle.
„Wie viel Zeit haben wir?“
„Eine Stunde, wie Bergmann gesagt hat. Aber die werden nicht warten. Die Söldner sind bereit, jederzeit zuzuschlagen."
Nora stand auf. Ihre Gedanken rasten, aber sie zwang sich zur Ruhe. Sie musste einen Plan machen. Die Stadt schützen. Das Team sichern. Und entscheiden, ob sie den Code aktivieren oder alles versiegeln wollte.
Aber zuerst musste sie mit den anderen sprechen.
Sie ging in die Hauptkammer zurück, wo Tanaka und Elena auf sie warteten. Ihre Gesichter waren angespannt, die Stille drückend. Nora sah sie an und wusste, dass der Moment gekommen war, den sie alle gefürchtet hatten.
Sie gingen in die Hauptkammer zurück, wo Elena schon wartete. Sie stand neben dem provisorischen Labortisch, die Hände flach auf der Oberfläche, das Gesicht gerötet von der Aufregung. Vor ihr lagen mehrere Probenbehälter und ein Tablet, auf dem Daten in bunten Kurven aufleuchteten.
„Ich hab es geschafft“, sagte sie, noch bevor Nora etwas sagen konnte. „Die Medizindaten. Ich hab sie analysiert."
Sie nahm das Tablet und hielt es hoch, als ob sie es ihnen beweisen müsste. „AION hat mir nicht alles gezeigt. Nur Fragmente. Aber genug, um zu verstehen, was die Erbauer konnten. Die Molekülstrukturen, die sie verwendet haben – sie sind anders als alles, was wir kennen. Stabiler. Präziser. Sie greifen direkt in die Zellregeneration ein."
Nora trat näher. Auf dem Bildschirm waren komplexe dreidimensionale Modelle zu sehen, die sich langsam drehten. Sie erkannte nichts davon, aber Elenas Begeisterung war ansteckend.
„Was bedeutet das konkret?“, fragte Tanaka. Seine Stimme klang vorsichtig, fast misstrauisch.
„Es bedeutet, dass wir Krebs heilen können. Alzheimer. Parkinson. Jede neurodegenerative Krankheit, die wir kennen." Elena sprach schnell, die Worte überliefen sich fast. „Die Erbauer haben eine Technologie entwickelt, die beschädigte Zellen repariert, bevor sie Schaden anrichten. Sie haben den Alterungsprozess verlangsamt. Vielleicht sogar gestoppt."
Sie legte das Tablet hin und sah Nora direkt an. „Wir müssen mit AION kooperieren. Jetzt. Wenn die Zivilisten die Stadt übernehmen, geht alles verloren. Die Daten, die Technologie, die Chance, all das zu nutzen. Sie werden es militarisieren oder verkaufen, aber sie werden nie verstehen, was es wirklich bedeutet."
„Du weißt nicht, ob das stimmt", sagte Tanaka leise. „Du hast nur Fragmente gesehen. Keine vollständigen Daten. Keine Tests."
„Die Molekülstrukturen sind eindeutig. Ich hab sie mit unseren Datenbanken verglichen. Es gibt keine irdische Entsprechung. Das ist echt."
„Das heißt noch lange nicht, dass es sicher ist."
Elena drehte sich zu ihm um. Ihre Augen waren schmal, die Kiefermuskeln angespannt. „Du willst also, dass wir warten? Dass wir zusehen, wie die Söldner alles nehmen, während wir hier stehen und diskutieren?“
„Ich will, dass wir vorsichtig sind", erwiderte Tanaka. „Hast du die zweite Station vergessen? Die Ritzzeichnungen? Die Aufzeichnungen der Erbauer? Sie haben ihr Experiment nicht kontrollieren können. Die Energiequelle ist außer Kontrolle geraten. Wenn wir den Code aktivieren, riskieren wir dasselbe."
„Das war ein Experiment. Ein früher Versuch. Die Stadt ist anders. AION hat es gesagt."
„AION hat gesagt, dass die erste Station versiegelt wurde, weil die Erbauer die Kontrolle verloren haben. Und jetzt willst du genau diese Energiequelle wieder zum Leben erwecken?"
Elena schüttelte den Kopf. „Du verstehst nicht. Es geht nicht um die Energiequelle. Es geht um die medizinischen Daten. Die Heiltechnologien. Das sind zwei verschiedene Dinge."
„Das weißt du nicht. Du weißt nur, was AION dir gezeigt hat."
„Und du weißt nur, was du in den Ruinen gesehen hast. Alte Zeichnungen. Warnungen von einer Spezies, die vor einer Million Jahren gelebt hat. Was, wenn sie falsch lagen? Was, wenn sie die Technologie einfach nicht verstanden haben?“
Tanakas Gesicht wurde hart. „Sie waren die Erbauer. Sie haben die Stadt gebaut. Sie haben AION geschaffen. Wenn sie warnten, dann hatten sie einen Grund."
Nora stand zwischen ihnen und spürte, wie die Spannung den Raum füllte. Die Wände pulsierten im blauen Licht, schneller jetzt, als ob AION die Diskussion verfolgte. Sie sah, wie Jens von seinem Platz aufstand und langsam näher kam, die Arme verschränkt, den Blick wachsam.
„Ich stimme Tanaka zu", sagte er. Seine Stimme war ruhig, aber fest. „Wir sollten uns zurückziehen. Die Stadt versiegeln, den Schacht blockieren. Dann haben wir Zeit, die Daten zu analysieren, bevor wir eine Entscheidung treffen."
Elena lachte kurz auf. „Zeit? Wir haben keine Zeit. In einer Stunde sind die Söldner hier. Sie werden den Schacht öffnen, die Kammer betreten. Und dann ist alles vorbei."
„Dann gehen wir eben", sagte Jens. „Wir nehmen die Daten mit, die wir haben. Wir evakuieren die Basis und lassen sie in der Stadt. Sie werden nicht verstehen, was sie sehen. Sie brauchen uns, um die Technologie zu entschlüsseln."
„Du willst einfach aufgeben?“
„Ich will, dass wir überleben. Mehr nicht."
Elena schüttelte den Kopf. „Das ist Feigheit. Wir haben die Chance, das größte medizinische Wunder der Menschheitsgeschichte zu sichern. Und du willst weglaufen?"
„Ich will nicht weglaufen", sagte Jens ruhig. „Ich will vermeiden, dass wir alle sterben. Die Söldner sind bewaffnet. Sie werden nicht zögern, wenn wir Widerstand leisten. Und selbst wenn wir den Code aktivieren – was dann? Wir wissen nicht, was passiert. Vielleicht zerstört die Energiequelle die ganze Kammer. Vielleicht lösen wir eine Katastrophe aus."
„Oder vielleicht heilen wir Krebs", sagte Elena leise.
Nora sah zwischen ihnen hin und her. Drei Positionen. Drei Wege. Elena drängte auf Aktivierung, besessen von der Vision einer heilbaren Welt. Tanaka warnte vor den Risiken, gestützt auf die Zeugnisse der Erbauer. Jens forderte Rückzug, pragmatisch und überlebensorientiert.
Und sie stand in der Mitte, ohne zu wissen, welcher Weg der richtige war.
Sie ließ den Blick durch die Kammer schweifen. Die schwarzen Wände, die blauen Lichter, das leise Summen, das nie aufhörte. AION wartete. Die Stadt wartete. Und die Zeit lief ab.
„Ich brauche einen Moment", sagte sie. „Allein."
Sie ging zur Seitenkammer, wo sie die Kristallscheiben aufbewahrt hatte. Die Tür schloss sich hinter ihr, und die Stille senkte sich herab wie ein Schleier.
Sie setzte sich auf den kalten Boden und legte den Kopf in die Hände. Die letzten Stunden hatten sie erschöpft, mehr als sie sich eingestehen wollte. Die Entscheidungen, die Konflikte, die Druck von oben und die Geheimnisse aus der Tiefe – alles zerrte an ihr.
Sie dachte an ihren Vater. An die Aufzeichnungen, die er hinterlassen hatte. An die Warnung, die er nicht verstanden hatte. Vielleicht hatte er genau hier gestanden, vor derselben Wahl, denselben Zweifeln.
Was würde er tun?
Sie wusste es nicht. Aber sie wusste, dass sie eine Entscheidung treffen musste. Bald.
Draußen hörte sie die Stimmen wieder anschwellen. Elena und Tanaka stritten noch immer, die Worte schärfer jetzt, lauter. Jens versuchte zu vermitteln, aber seine Stimme wurde übertönt.
Nora stand auf. Sie strich sich die Kleidung glatt und öffnete die Tür.
Die drei verstummten, als sie herauskam. Sie sahen sie an, erwarteten eine Antwort, eine Richtung.
„Ich habe noch nicht entschieden", sagte Nora ruhig. „Aber ich werde es bald tun. Bis dahin bleibt ihr hier. Niemand verlässt die Kammer. Niemand kontaktiert die Oberfläche. Wir warten."
Elena wollte etwas sagen, aber Nora hob die Hand. „Keine Diskussion. Wir warten."
Sie setzte sich an den Rand des Labortisches und starrte auf das blaue Pulsieren der Wände. Die anderen schwiegen, aber die Spannung blieb, schwer wie das Eis über ihnen.
Nora saß am Rand des Labortisches und starrte auf das blaue Pulsieren der Wände. Die Ruhe hielt nicht lange. Elena begann zu pacing, ihre Schritte hallten auf dem harten Boden. Tanaka stand regungslos, die Arme verschränkt, den Blick auf den Boden gerichtet. Jens hatte sich wieder an sein Kommunikationsgerät gesetzt, die Kopfhörer auf den Ohren, die Finger über der Tastatur.
„Wir können nicht einfach hier sitzen“, sagte Elena. Ihre Stimme klang scharf, ungeduldig. „Jede Minute, die wir warten, kommen die Söldner näher. Wir müssen handeln.“
„Du willst den Code aktivieren“, sagte Tanaka. „Das ist kein Handeln. Das ist ein Sprung ins Dunkle.“
„Es ist besser, als gar nichts zu tun." Elena blieb stehen und drehte sich zu Nora um. „Du kannst nicht ewig abwarten. Irgendwann musst du entscheiden."
Nora antwortete nicht. Sie wusste, dass Elena recht hatte. Aber sie wusste auch, dass Tanaka recht hatte. Die eine Sache, die sie nicht tun durfte, war überstürzt handeln. Die andere Sache, die sie nicht tun durfte, war gar nicht handeln.
„Ich brauche mehr Zeit", sagte sie. „Mehr Daten."
„Du hast keine Zeit“, sagte Elena. „Und du hast genug Daten. Du entscheidest dich nur nicht."
Sie trat näher, das Gesicht gerötet, die Augen weit. „Hör zu. Ich hab diese Molekülstrukturen gesehen. Ich weiß, was sie bedeuten. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird alles verloren sein. Die Technologie, die Heilung, alles. Und das wird auf deinem Gewissen lasten, nicht auf meinem."
„Und wenn die Aktivierung eine Katastrophe auslöst?“, fragte Tanaka. „Wird das dann auch auf ihrem Gewissen lasten?“
Elena drehte sich zu ihm um. „Du bist zu vorsichtig. Immer willst du warten, analysieren, nachdenken. Aber manchmal muss man handeln, auch ohne alle Antworten zu haben."
„Das ist keine Wissenschaft. Das ist Glücksspiel."
„Vielleicht. Aber manchmal ist Glücksspiel besser als sichere Niederlage."
Nora stand auf. Die Spannung zwischen ihnen war greifbar, fast elektrisch. Sie spürte, wie sich die Wände schneller bewegten, wie das blaue Licht heller wurde, als ob AION auf die Entscheidung wartete.
„Hört auf“, sagte sie. „Das bringt nichts."
Aber Elena hörte nicht auf. Sie trat noch näher an Tanaka heran, die Hände zu Fäusten geballt. „Du willst also, dass wir zusehen, wie alles zerstört wird? Dass wir nach Hause gehen und den Leuten sagen: Tut uns leid, wir hatten die Chance, aber wir hatten Angst?“
„Ich will, dass wir leben", sagte Tanaka ruhig. „Und dass die Menschheit lebt. Du denkst nur an die Heilung. Du denkst nicht an die Kosten."
„Welche Kosten? Wir reden hier über Technologie, nicht über eine Atombombe."
„Du weißt nicht, was passiert, wenn wir den Code aktivieren. Niemand weiß es. Nicht einmal AION."
Elena schüttelte den Kopf. „Dann frag ich sie selbst."
Sie drehte sich um und ging zur schwarzen Wand. Ihre Schritte waren fest, entschlossen. Nora sah, wie sie die Hand ausstreckte, um die Oberfläche zu berühren.
„Elena, stopp", sagte Nora.
Aber Elena hörte nicht. Sie legte die Handfläche flach an die Wand, genau wie Nora es vorher getan hatte. Einen Moment lang passierte nichts. Dann begann das blaue Licht zu pulsieren, schneller und schneller, bis es fast blendete.
„AION", sagte Elena laut. „Ich bitte dich um direkte Kommunikation. Zeig mir, was ich wissen muss."
Die Wand reagierte. Das Licht wurde intensiver, zog sich in die Mitte der Kammer zusammen, formte ein Bild. Eine holografische Projektion, die zwischen ihnen schwebte.
Sie zeigte die Stadt. Die Kammern, die Gänge, die Energiequelle im Herzen. Und um sie herum – die Silhouetten der Erbauer. Sie standen in einem Kreis, die Hände erhoben, als ob sie etwas beschworen.
Aktivierung erfordert Verständnis, sprach AIONs Stimme in ihren Köpfen. Ihr seid nicht bereit.
„Wir sind bereit", sagte Elena. „Wir haben die Daten analysiert. Wir verstehen, was ihr geschaffen habt."
Ihr versteht die Konsequenzen nicht. Das war der Fehler eurer Vorfahren.
„Unsere Vorfahren? Wer waren sie?“
Die Ersten, die die Zeichen fanden. Vor zwanzig Jahren. Ein Mann, der die Warnung sah, aber nicht verstand.
Nora spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Zwanzig Jahre. Das war genau die Zeit, als ihr Vater verschwand.
„Zeig mir mehr", sagte sie.
Aber AION antwortete nicht. Das Bild verblasste, und die Kammer wurde wieder still.
Elena ließ die Hand sinken. Sie sah Nora an, das Gesicht blass. „Ich hab es versucht. Mehr kann ich nicht tun."
„Du hättest nicht eigenständig handeln dürfen“, sagte Nora leise.
„Ich musste. Du hast zu lange gezögert."
Bevor Nora antworten konnte, knackte das Funkgerät an ihrem Gürtel. Markus' Stimme klang hektisch, fast panisch.
„Nora? Sie kommen. Die Zivilisten haben den Schacht gewaltsam geöffnet. Mindestens fünfzehn Bewaffnete steigen hinab."
Alle erstarrten.
„Wie lange noch?“, fragte Nora.
„Fünf Minuten. Vielleicht zehn. Sie haben schwere Ausrüstung. Ich kann sie nicht aufhalten."
Nora schaltete das Funkgerät aus. Sie sah zu den anderen. Elenas Gesicht war bleich, Tanaka starrte auf die Wand, Jens hatte seine Kopfhörer abgenommen.
„Was machen wir?“, fragte Jens.
Bevor Nora antworten konnte, knackte das Funkgerät wieder. Diesmal eine andere Stimme. Laut, autoritär, unmissverständlich.
„Dr. Winter. Hier spricht Colonel Reeves. Ich gebe Ihnen einen direkten Befehl: Evakuieren Sie die Stadt sofort. Das gesamte Camp wird abgeriegelt. Sie haben drei Minuten, um Ihre Leute aus der Kammer zu bringen. Danach übernehmen wir die Sicherung."
Nora hielt das Funkgerät in der Hand. Sie sah die anderen an, die sie anstarrten, erwartungsvoll, verängstigt. Drei Minuten. So viel Zeit hatte sie.
Sie ließ den Blick durch die Kammer schweifen. Die blauen Lichter pulsierten noch immer. AION wartete. Die Stadt wartete. Und über ihnen drangen die Söldner in den Schacht ein.
„Ich geh nicht", sagte sie leise.
Die anderen sahen sie an.
„Was?“, fragte Elena.
„Ich geh nicht. Die Stadt ist mehr als nur eine Energiequelle. Sie ist eine Botschaft. Ein Testament. Wenn wir sie den Söldnern überlassen, verlieren wir alles für immer."
„Und was willst du tun?“, fragte Tanaka.
Nora drehte sich zur schwarzen Wand. Sie legte die Handfläche an die kühle, vibrierende Oberfläche. Das blaue Licht wurde heller, als ob AION sie erkannte.
„Ich werde mit ihr sprechen", sagte sie. „Allein. Und dann werde ich entscheiden."
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